Biomarker für Krebs und Diabetes

Medizin. An einem gerade gestarteten K1-Kompetenzzentrum in Graz entwickeln Wissenschaftler Technologien, um Krankheiten besser diagnostizieren und behandeln zu können.

Laborgläser
Laborgläser
(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Mit herkömmlichen medizinischen Methoden sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie stößt man immer öfter an die Grenzen des Machbaren. Nicht jeder Patient mit einer bestimmten Erkrankung spricht auf die gleiche Therapieform an. Zu mannigfaltig sind die Ursachen für die Krankheitsbilder.

Biomarker sind die Zukunft in der Medizin. Diese biologisch messbaren Parameter biologischer Prozesse wie Enzyme, Hormone oder Gene sind Indikatoren für Krankheiten. Sie versprechen einen individuell auf den Patienten angepassten Zugang und sind Ausgangspunkt für eine personalisierte Behandlungsmethode. Doch nicht nur das. Sind spezielle Biomarker für eine Krankheit wie eine bestimmte Krebsform erst einmal identifiziert, lässt sich damit eine Erkrankung viel früher als durch klinische Symptome erkennen. Ärzte können schneller eingreifen.

Um die Forschung auf diesem Gebiet voranzutreiben, wurde nun ein neues K1-Kompetenzzentrum für Biomarkerforschung in der Medizin mit Standort in Graz eröffnet. Ziel von CBmed ist es, neue Biomarker-Typen zu erforschen. Die Erkenntnisse sollen gemeinsam mit nationalen und internationalen Unternehmen aus der technischen und der pharmazeutischen Industrie in praktische Anwendungen für den klinischen Bereich umgesetzt werden. Ungefähr 30 Industriepartner und 20 wissenschaftliche Partner sind mit an Bord.

 

Über den Kamm geschert

Ein großer Forschungsschwerpunkt werden die Krebsbehandlungen sein, bei denen es noch viele ungelöste Probleme gibt. Derzeit gibt es für jeden Krebstyp wie Darmkrebs, Brustkrebs oder Prostatakrebs ein spezifisches Behandlungskonzept. Ab einem gewissen Stadium werden also die Patienten mit einer bestimmten Krebsform über den gleichen Kamm geschert und gleich behandelt.

Der gleiche Krebstyp kann aber laut Grundlagenforschung durch äußerst unterschiedliche Mechanismen im Körper ausgelöst werden. Was liegt daher näher, als dass auch die Therapie unterschiedlich verlaufen muss, um einen Erfolg zu erzielen?

Ob ein Patient auf eine bestimmte Behandlung anspricht oder nicht, kann oft erst sehr spät nach Behandlungsbeginn festgestellt werden. Daher wäre es von Vorteil, Biomarker ausfindig zu machen, um gleich nach einer Krebsdiagnose austesten zu können, ob eine spezielle Therapieform wirkungsvoll sein wird oder nicht. Mitunter werden Patienten mehrere Monate lang therapiert, um dann mitgeteilt zu bekommen, dass sie auf die Medikamente nicht ansprechen.

Damit geht wertvolle Zeit verloren, die Patienten auch das Leben kosten kann. Zudem entstehen enorme Kosten: Zurzeit verschlingt die Behandlung eines Krebspatienten pro Jahr etwa 30.000 bis 80.000 Euro.

 

Früher Diagnose stellen

Die Krebsdiagnose selbst stellt ebenfalls einen Knackpunkt dar, an dem die Forscher des Kompetenzzentrums ansetzen möchten. Darmkrebs entwickelt sich zum Beispiel lange Zeit unbemerkt, erst klinische Symptome lassen die Betroffenen hellhörig werden und zum Arzt gehen. Eine frühzeitige Diagnose kann die Heilungschancen beträchtlich erhöhen. Außerdem wäre es für die Behandlung hilfreich, wenn man im Blut Biomarker wie zirkulierende Krebszellen oder zirkulierende DNA identifizieren könnte, anhand derer festgestellt werden kann, ob bereits Metastasen im Körper vorhanden sind. Auch hier geht es in Richtung personalisierter Medizin.

Und im Bereich von Diabetes, bei Lebererkrankungen und Hepatitis versucht man, Behandlungswege mit Hilfe von Biomarkern neu zu gestalten. „Schon zum Zeitpunkt der Diagnose muss ich sagen können, ob jemand ein Typ A ist, bei dem die Krankheit nicht weiter oder nur langsam fortschreiten wird, oder eben ein Typ B, bei dem die Krankheit leider schnell fortschreiten wird“, sagt Thomas Pieber, wissenschaftlicher Geschäftsführer von CBmed.

Das Zauberwort heißt „Near Patient Testing“: „Wenn ich Werte über die Zeit öfters messe oder sogar kontinuierlich mit Hilfe eines Sensors, erhalte ich ganz neue Erkenntnisse“, so Pieber.

Ein weiterer Forschungsansatz betrifft das Immunsystem der Patienten, das den Krebs entscheidend beeinflusst. Untersuchungen zeigen, dass womöglich das Verhalten des Immunsystems die Krebsentwicklung am besten voraussagen kann. Man spekuliert sogar, ob das Abwehrsystem des Menschen nicht sogar viel bedeutender für das Fortschreiten der Krankheit ist als die Genmutation der jeweiligen Krebszellen. Daher ist es entscheidend, Biomarker zu finden, die die Funktionalität des Immunsystems charakterisieren.

LEXIKON

Das K1-Kompetenzzentrum CBmedläuft im Rahmen des Comet-Programms der Bundesministerien für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft sowie für Verkehr, Innovation und Technologie. Bis 2018 gibt es ein Budget von 17,4 Millionen Euro. Eigentümer sind die Med-Unis in Graz und Wien, TU Graz und Karl-Franzens-Universität Graz sowie die beiden größten außeruniversitären Forschungseinrichtungen Österreichs, das Austrian Institute of Technology (AIT) und Joanneum Research. Weltweit sind 30 Industrie- und 20 Wissenschaftspartner beteiligt. Das neue Zentrum wurde am Mittwochabend eröffnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2015)

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