Das Holz im Dachstuhl erzählt seine Geschichte

Sparkling Science. Im Waldviertel werden Holzelemente in alten Kirchen und Bauernhöfen erforscht, um das Know-how der Vergangenheit für den Holzbau der Zukunft nutzen zu können.

„Von vielen Kirchen ist der Zeitpunkt der Errichtung gar nicht bekannt“, sagt Michael Grabner vom Institut für Holztechnologie der Boku Wien. In einem von ihm geleiteten Sparkling-Science-Projekt (finanziert vom Wissenschaftsministerium) sollen 44 Kirchen im Waldviertel erstmals genau datiert werden. Und zwar über Dendrochronologie, die Altersbestimmung anhand der Jahresringe in dem Holz, das dort verbaut wurde.

Untersucht man nur die Mauerwerke bautechnologisch, kann man Gebäude auf Jahrzehnte genau einschätzen. „Doch durch Beprobung der Holzelemente, die im Dachstuhl und oft in Türmen zu finden sind, können wir die Altersbestimmung verfeinern“, sagt Grabner. So lässt sich die Geschichte der Kirche und ihrer Umbauten über die Jahrhunderte bis ins Mittelalter gut nachverfolgen. Die Forscher bohren dazu ein winziges Loch ins Holz. Der Bohrkern zeigt das Muster der Jahresringe: Im Vergleich mit „Standardchronologien“, also Proben aus lebenden Bäumen und anderen Gebäuden, wird das Alter des verwendeten Holzes bestimmt.

„Wichtiges Ziel ist, erstmals eine Dendrochronologie für Fichten, Tannen und Kiefern des Waldviertels zu erstellen, auch um Herkunftsbestimmungen von Holz, das etwa in Wien verbaut wurde, zu erleichtern.“ Das Projekt, das seit Oktober 2014 läuft, konzentriert sich nicht nur auf Kirchen: Viel umfassender wird die Erfassung alter Bauernhöfe im Waldviertel sein. Wie alt sind Gehöfte, die heute noch existieren? In welchem Stil wurden sie erbaut? Das sind Fragen, die sich nur mit Hilfe der Schüler der Landwirtschaftlichen Fachschule Edelhof in Zwettl und der HTL Krems lösen lassen. „Außer in Freilichtmuseen wurden die alten Dachstühle und andere Holzbauten der Gehöfte kaum erforscht“, sagt Grabner. Die Schüler können die Bauernhöfe ihrer eigenen Familien im Waldviertel nun für die Wissenschaft zugänglich machen und gemeinsam mit den Boku-Forschern die Proben nehmen.

Die HTL-Schüler des Zweiges Sanierungstechnik helfen – im Rahmen von Maturaarbeiten – bei der Vermessung der Bauten. „Das soll nicht nur das Bewusstsein für regionalen Holzbau stärken, sondern auch Know-how liefern: für die Sanierung der alten Bauten und für die Verbauung von Holz in der Zukunft“, betont Grabner. (vers)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.01.2015)

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