Wie das Geld der Eltern das Hirn der Kinder formt

Je niedriger das Einkommen, desto stärker wirken sich ganz geringe Unterschiede auf die Kognition aus.

(c) Clemens Fabry

Dass der sozioökonomische Status eines Kindes auch über die Entwicklung seiner kognitiven Fähigkeiten entscheidet, ist ein Gemeinplatz, in dem, wie bei Gemeinplätzen üblich, die Details zu kurz kommen: Welche Faktoren entscheiden, und wo beeinflussen sie die Entwicklung des Gehirns wie? Zwar weiß man, dass das Gehirn enorm plastisch ist – sich auch mit steigendem Alter umorganisieren kann –, aber bisher hat man vor allem auf sein Volumen gesehen. Das sagt nicht viel, das Hirn hat viele Regionen. Zudem geht in das Volumen zweierlei ein: die Dicke der Hirnschichten und die Ausdehnung ihrer Oberfläche. Beide entwickeln sich verschieden: Die Dicke nimmt in Kindheit und früher Jugend stark ab, die Oberfläche dehnt sich beim Heranreifen.

Um alles auseinanderzuklauben, haben Elizabeth Sowell (University of Southern California) und Kimberly Noble (Columbia University) bei 1099 Heranwachsenden zwischen drei und 20 Jahren mit bildgebenden Verfahren die Morphologie des Gehirns gemessen und nach Korrelationen mit kognitiven Fähigkeiten und der Sozioökonomie gesucht. Dabei wurden zwei Variablen unterschieden, das Einkommen der Eltern und ihr Bildungsgrad. Als zentral erwies sich im Gehirn die Ausdehnung der Oberflächen – vor allem die des Hippocampus, in dem sitzt etwa das Gedächtnis –, und die hängt mit den beiden Variablen ganz unterschiedlich zusammen: Der Bildungsgrad der Eltern schlägt linear auf die Kognition der Kinder durch, jedes zusätzliche Schul- bzw. Hochschuljahr bringt die gleiche Vergrößerung der Oberfläche.

 

Sozialpolitik kann Kognition fördern

Ganz anders das Einkommen, es wirkt logarithmisch: Ganz unten bei den Einkommen spielt jeder einzelne Dollar eine große Rolle, nach oben wird die Bedeutung immer geringer. Das zeigte sich auch in einzelnen Hirnregionen und bei der Entwicklung des Sprachvermögens oder des Gedächtnisses (Nature Neuroscience, 30.3.). „Das impliziert keinesfalls, dass die sozioökonomischen Umstände zu unveränderlichen Entwicklungen des Gehirns führen“, schließt Sowell: „Es heißt, dass breiterer Zugang zu Ressourcen eine andere Hirnstruktur bringen kann.“ „Vor allem bei den Ärmsten sind kleine Unterschiede bei den Einkommen mit großen Unterschieden im Gehirn verbunden“, ergänzt Noble: „Künftige Forschung muss klären, ob eine Änderung der Umwelt – etwa durch Sozialpolitik, die Armut reduziert – die Entwicklung des Gehirns zum Besseren beeinflussen könnte.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2015)

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