Immun-Therapie: Krebs mit körpereigenen Waffen schlagen

Medizin. Ein neuer Therapieansatz bringt spektakuläre Erfolge in der Krebstherapie. Durch gezielte Sensibilisierung der eigenen Immunantwort könnte die Überlebenschance bei vielen Krebsarten drastisch verbessert werden.

Symbolbild: Krebszelle
Symbolbild: Krebszelle
Symbolbild: Krebszelle – EPA

Krebs bedeutet trotz Jahrzehnten intensiver Forschung noch immer eine oft tödliche Diagnose. Wie es zur katastrophalen Vermehrung bösartiger Zellen kommt, ist bis heute nicht gänzlich geklärt. Schon lange ist aber bekannt, dass das Immunsystem eine entscheidende Rolle bei der Entstehung einer Krebserkrankung spielt. Neue Forschungen erklären nun endlich das Mysterium, warum manche mutierten Zellen der Armada von Immunzellen entwischen, sich blindwütig vermehren und zu einem tödlichen Tumor werden können.

Der entscheidende Faktor ist ein natürlicher Regulationsmechanismus des Immunsystems. Er verhindert eine Überreaktion der Immunzellen, die ohne penible Kontrolle auch körpereigenes gesundes Gewebe angreifen würden. „Diese molekularen ,Bremsen‘ kann der Tumor missbrauchen, indem er sie aktiviert und dadurch die Immunzellen gegen ihn wehrlos macht. Er setzt sich damit eine molekulare Tarnkappe auf“, sagt Christoph Zielinski, Leiter der Abteilung für Onkologie und des Comprehensive Cancer Centers (CCC) der Med-Uni Wien. Schon 1996 konnte der amerikanische Krebsforscher James Allison zeigen, dass die Blockierung eines dieser die Immunantwort hemmenden Proteine – genannt CTLA-4 – durch Antikörper in acht von zehn Mäusen zu einem vollständigen Verschwinden von Tumoren führt. 2007 wurde die Wirksamkeit der Antikörper in ersten klinischen Studien auch im Menschen bewiesen – erst bei Hautkrebs, später auch bei einer Vielzahl weiterer Krebsarten.

 

Patienten blieben tumorfrei

Tatsächlich ist diese neue sogenannte Immun-Checkpoint-Therapie so erfolgreich, dass manche der Patienten der ersten Pionierstudien bis heute tumorfrei leben und praktisch als geheilt angesehen werden können. „Es scheint erstmals greifbar, dass Krebs nicht mehr tödlich ist, sondern immer mehr zu einer chronischen Krankheit wird“, so Walter Berger, Tumorbiologe und stellvertretender Leiter des Instituts für Krebsforschung der Med-Uni Wien. Seit 2011 ist der erste Antikörper zur Anwendung im Patienten zugelassen.

Revolutionär ist dabei nicht nur die neue Therapie selbst. Die Aufklärung der Rolle der Immunzellen könnte auch erklären, warum bisherige immunologische Therapieansätze wie etwa Impfungen mit abgetöteten Krebszellen relativ erfolglos waren, und ihnen zu einer Renaissance verhelfen. Darüber hinaus können sie mit bis jetzt bewährten Therapien wie Bestrahlung und Chemotherapie kombiniert werden und so deren therapeutisches Potenzial steigern.

Dieser Erfolg darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er sich nicht bei jedem Patienten beliebig wiederholen lässt. In allen Studien gab es Patienten, die nicht auf die Therapie ansprachen, und es kann zu Nebenwirkungen wie starken entzündlichen Prozessen des Darms oder der Leber kommen.

Ansonst hat die neue Therapie vor allem eine ökonomische Achillesferse: die Kosten. Eine Behandlung mit den neuen Antikörpern kostet derzeit pro Patient zwischen 80.000 und 240.000Euro. Hier muss eine Lösung gefunden werden, um allen Patienten die Behandlung zu ermöglichen. „Es darf nicht sein, dass der eigene Wohlstand über Leben und Tod bei einer Krebsdiagnose entscheidet“, so Zielinski. Derzeit laufen allein am CCC mehr als 20 klinische Studien zum Thema Immuntherapie.

LEXIKON

Antikörper werden von weißen Blutkörperchen, den B-Leukozyten, gebildet und sind Teil des Immunsystems. Sie sind Proteine, die ganz gezielt an Antigene, also körperfremde Proteinstrukturen, binden sollen. Der Antikörper blockiert das Antigen und markiert die Zelle, an der es sich befindet: So können weitere Immunzellen die betroffenen Zellen finden und vernichten. Antikörper gegen spezifische Ziele wie etwa Tumorproteine können im Labor hergestellt und verabreicht werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.04.2015)

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