Der Tod im NS-Lager mitten in Graz

Zeitgeschichte. Die Nationalsozialisten unterhielten vor genau 70 Jahren in Graz-Liebenau ein Sammellager für den Abtransport von Häftlingen nach Mauthausen.

April 2015. Es ist Frühling in Graz. Die Menschen zieht es nach draußen, viele betreiben Sport. Eine der beliebtesten Freizeitstrecken ist die Murpromenade. Die Grazer laufen, skaten oder fahren mit dem Rad der Mur entlang in den Süden der Stadt in Richtung Liebenau, vorbei an der Seifenfabrik, kleinen Schrebergärten, Tennisplätzen und dem Puchsteg, unweit des Liebenauer Stadions.

April 1945. Der Zweite Weltkrieg ist in Europa beinahe durchgestanden. Der Nationalsozialismus zeigt sich in den letzten Wochen des Krieges noch einmal wirklich gewalttätig. Fanatische Nazis treiben nahe dem heutigen Stadion Liebenau Zwangsarbeiter – zumeist ungarische Juden, die zuvor Schanzarbeiten verrichten mussten – in ein Lager zusammen, genau dort, wo heute Schrebergärten und Tennisplätze sind.

Die Häftlinge traten vom Lager Graz-Liebenau ihre letzte Reise an: zum KZ-Mauthausen. „Von Liebenau aus ging der Marsch los, der zu einem Todesmarsch wurde. Das Lagerpersonal richtete aber Kranke, Schwache und Transportunfähige direkt vor Ort hin“, sagt Helmut Konrad, Professor für Zeitgeschichte an der Uni Graz und Plenumsteilnehmer an der vom Ludwig-Boltzmann-Institut (LBI) für Kriegsfolgen-Forschung organisierten Konferenz „Das Lager Graz-Liebenau“ am 28. April im Glockenspielhaus Graz.

Liebenauer Lager lang unerforscht

Das Sammellager blieb lange Zeit unerforscht, auch weil die NS-Vergangenheit des Ortes rasch nach dem Krieg verdrängt wurde. Erst Rainer Possert, ein Arzt, der in Liebenau praktiziert, leistete auf private Initiative wertvolle Erinnerungsarbeit und holte auch das LBI ins Boot.

Die ersten Häftlinge verloren bereits im Norden von Graz, in Andritz, ihr Leben. Viele weitere sollten folgen, dramatisch viele am Präbichl, in der Nähe von Eisenerz. Insgesamt starben etwa 23.000 Menschen – das ist eineinhalbmal das ausverkaufte Liebenauer Stadion – durch diese Ereignisse. „Bewohner der Steiermark und Niederösterreichs – von wo aus ebenfalls Häftlinge in Richtung Mauthausen marschierten – sahen zum ersten Mal ausgemergelte Menschen, die brutal durchs Land getrieben wurden“, sagt Konrad. Viele Österreicher zeigten erstaunlich viel Nächstenliebe. Sie steckten den Gefangenen etwa Brot zu. Sie versteckten einige auch. Den meisten Österreichern zeigte sich erstmals das NS-Schreckensbild. Die Leute sahen das Sterben und das Dahinmorden. Vielen öffnete erst das die Augen.

 

„Eine Geschichte der Schande“

Dennoch herrschte in den letzten Apriltagen 1945 eine extreme Ambivalenz. „Natürlich gab es Menschen, die weiße Fahnen hinaushängten. Natürlich gab es Nächstenliebe. Natürlich gab es Menschen, die das Dritte Reich untergehen sehen wollten“, sagt Konrad. Aber gleichzeitig hielten Nationalsozialisten das NS-System am Laufen: Sie töteten, sie exekutierten, sie lynchten. Karl Renner bildete eine demokratische Regierung, aber gleichzeitig funktionierte Mauthausen noch als Konzentrationslager. Das alles passierte zur selben Zeit. Historiker nennen das „die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“.

Die britischen Besatzer in der Steiermark verurteilten 1947 vier Lageraufseher von Liebenau. Zwei von ihnen wurden hingerichtet. Zu weiteren Anklagen kam es nicht. Der Entnazifizierungsversuch der Briten scheiterte, genauso wie eine nachhaltige Vergangenheitsbewältigung: „Die ganze Entnazifizierung in Österreich ist eine Geschichte der Schande“, sagt Konrad.

LEXIKON

Todesmärsche. Die Nationalsozialisten trieben kurz vor dem Kriegsende tausende Zwangsarbeiter zusammen, um sie in Konzentrationslager zu bringen. Die meisten Gefangenen marschierten in Österreich zum KZ Mauthausen. Bereits der Weg dorthin war oft tödlich. Die Bezeichnung Todesmärsche kam aber erst nach dem Krieg auf.

Die Endzeitverbrechen wurden in den letzten Wochen und Monaten des Zweiten Weltkrieges begangen. Die Endphase bezeichnet den Zeitraum zwischen Januar 1945 und dem örtlich unterschiedlichen Ende der Kriegshandlungen. Graz war während der ersten Maiwoche des Jahres 1945 noch ganz klares nationalsozialistisches Herrschaftsgebiet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2015)

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