Als Österreich zur geistigen Provinz wurde

Geistesgeschichte. Nazis und Faschisten vertrieben österreichische Politiker, Künstler und Wissenschaftler aller Disziplinen: Trotzdem prägten die wenigen Rückkehrer die 2. Republik.

Bruno Kreisky erreichte in den 1970er-Jahren an der Spitze der SPÖ dreimal die absolute Mehrheit bei Nationalratswahlen, zuletzt 1979. Keine Partei errang seither eine Absolute. In SPÖ-Kreisen und darüber hinaus wurde er zur Polit-Ikone. Kreisky war ein Rückkehrer aus dem Exil – ein Remigrant. Er war 1938 nach Schweden geflohen und hatte von dort aus seine politischen Kontakte pflegen müssen. „Wäre es nach seiner Partei gegangen, hätte er 1950 nicht wieder zurückkommen müssen“, sagt Friedrich Stadler, Professor für Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsphilosophie an der Uni Wien. Kreisky ist eines der bekanntesten Beispiele unter vielen, das zeigt, dass Rückkehrer einflussreich, aber zugleich nicht immer erwünscht waren.

Die von der Österreichischen Akademie der Wissenschaft (ÖAW) organisierte, internationale Konferenz „Exiles, Returnees and their Impact in the Humanities and Social Sciences in Austria and Central Europe“ widmet sich noch bis 26. April in Wien diesen Rückkehrern. Die Liste der bekannten Remigranten liest sich wie eine intellektuelle Personenenzyklopädie der Nachkriegszeit: der Schauspieler und Kabarettist Karl Farkas; der Komponist, Autor und Musiker Gerhard Bronner; der Komponist und Autor Hugo Wiener; der Musiksoziologe Kurt Blaukopf; die Schriftsteller Hans Weigel, Friedrich Torberg oder Hilde Spiel; die Kunsthistoriker Hilde Zaloscer und Otto Pächt; der Physiker Engelbert Broda; der Begründer des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW) Herbert Steiner; der Zeitgeschichteforscher Karl R. Stadler; der Philosoph Kurt Rudolf Fischer; die Begründer des Institutes für Höhere Studien (IHS) Oskar Morgenstern und Paul Lazarsfeld. Die Liste ließe sich noch beträchtlich erweitern.

 

Nur 8000 Menschen kehrten zurück

Dabei geht die Forschung davon aus, dass von den 130.000 bis 150.000 Emigranten, darunter Politiker, Künstler und Wissenschaftler bis Ende der 1950er-Jahre nur etwa 8000 nach Österreich zurückkehrten. „Die Remigration ist ein komplexes Phänomen. Viele Vertriebene wollten ohnehin nicht mehr in das Land der Täter zurück, andere wollten, stießen aber auf Widerstände in Österreich“, sagt Stadler. Die wenigsten Intellektuellen kamen wieder. Vor allem die hiesigen Unis verhinderten eine offizielle Rückkehr, so zum Beispiel die der einflussreichen Philosophen des Wiener Kreises. Eine schnelle Reintegration ist völlig gescheitert. Diejenigen, die trotz aller Widerstände remigrierten, beeinflussten Österreich aber nachhaltig. Das gilt auch für die zahlreichen Intellektuellen und Wissenschaftler, die nur sporadisch in Österreich weilten, wie etwa der berühmte Ökonom Friedrich Hayek oder der Philosoph Karl Popper. Auch sie hinterließen Spuren oder lieferten Anstöße im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb. Der Widerstandskämpfer und sporadische Rückkehrer Otto Molden gründete etwa bereits 1945 das Forum Alpbach in Tirol.

„Dennoch ist klar, dass Österreich für Jahrzehnte eine geistige Provinz blieb“, sagt Stadler. Deutschland holte seine Intelligenz nach dem Krieg ganz bewusst zurück ins Land. Das beste Beispiel dafür ist die Frankfurter Schule, wo Größen wie Max Horkheimer oder Theodor Adorno nach Deutschland zurückgelotst wurden.

Anders in Österreich: Zum einen gab es keine geplante Rückholung der Intelligenz. Zum anderen waren der Austrofaschismus von 1933/34 bis 1938, der Nationalsozialismus, aber auch die Besatzungszeit von 1945 bis 1955, entscheidend für viele Emigranten, Österreich endgültig den Rücken zu kehren. (por)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.04.2015)

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