Sophinette Becker: „Sexuelle Lust ist nie ganz harmlos“

Neue Denkverbote sieht die deutsche Sexualwissenschaftlerin in der Geschlechterdebatte. Über lustlose junge Männer, lustvoll chattende Frauen und das menschliche Bedürfnis nach geschlechtlicher Eindeutigkeit.

Sophinette Becker
Sophinette Becker
Sophinette Becker – (c) Stanislav Jenis

Die Presse: Der Life Ball naht und wird als Arena der Geschlechterauflösung inszeniert. Aber Mädchen werden rosafarbener denn je gekleidet, beim Spielzeug blühen die Klischees. Wo ist da die Auflösung?

Sophinette Becker: Wir haben zwei stark entgegengesetzte Bewegungen zugleich, nämlich Auflösung und Betonung des Geschlechts. Die Angleichung von Männern und Frauen hat ja auch Folgen. Lustlosigkeit bei Männern ist zum Beispiel eher ein Problem in gleichberechtigten Beziehungen. Vor Kurzem habe ich in einem Workshop Männer und Frauen getrennt gefragt: Was macht Sie sexuell an einem Mann beziehungsweise einer Frau an? Da kamen die üblichen Dinge, Klugheit, Selbstbewusstsein und so weiter. Und dann, ein bisschen verschämt, die Frauen: Der Mann sollte ein klein bisschen überlegen sein, aber nur soooo viel. Und die Männer kamen ebenfalls ein bisschen verschämt: Die Frau sollte ein minibisschen unterlegen sein. Und das waren lauter fortschrittliche, aufgeklärte Leute!

Was schließen Sie daraus – mehr Hierarchie ist gut für den Sex?

Die große Frage ist: Wie kriegen wir Verschiedenheit ohne Hierarchie hin? Leute sagen mir jetzt, Transsexualität ist gesund, Unsinn! Auch Heterosexualität ist nicht gesund. Sexuelle Lust ist nie ganz harmlos, Sexualität ist ein Konfliktfeld, es wird nie wie Essen und Trinken sein. Und neue Freiheiten bringen neue Unsicherheiten. Das Spiel mit Unterwerfung und Dominanz zum Beispiel ist ein wichtiges Element in der Sexualität.

Sie haben lang an der Sexualambulanz in Frankfurt gearbeitet. Hatten Sie Patienten, die sich von Wörtern wie „er“, „sie“, „Mann“, „Frau“ diskriminiert fühlten?

Ja, ich habe Menschen in Behandlung gehabt, die finden, dass man nicht er und sie, Mann und Frau sagen darf. Für mich sind das neue Denkverbote. Man muss die Kategorien öffnen, nicht Zweigeschlechtlichkeit grundsätzlich verteufeln. Die Intersexuellen, die häufiger sind als Transsexuelle, haben tatsächlich von Geburt an körperlich ein uneindeutiges Geschlecht, für die ist die Zweigeschlechtlichkeit ein Drama. Aber die Kategorien weiblich und männlich sind tief in uns, wir nehmen Menschen ganz unmittelbar als Mann oder Frau wahr. Der Mensch hat auch ein Bedürfnis nach Eindeutigkeiten.

Was hat sich an den sexuellen Problemen der Patienten geändert?

Zum Beispiel, dass heute auch viele junge Männer kommen, die keine Lust haben. Früher hieß es, sie hätten Erektionsprobleme, in Wirklichkeit haben sie keine Lust mehr auf ihre Partnerin. Ich finde es gut, dass sich junge Männer nicht mehr hinter einer Erektionsstörung verstecken, und dass der Mythos verschwindet, Männer hätten immer Lust.

Welche Mythen ärgern Sie sonst noch?

Dass ein Paar 40 Jahre lang Sex aus Liebe haben muss. Wie viel Sex in einem Paar stattfindet, hängt schlicht davon ab, wie lange das Paar zusammen ist. Ein frisch verliebter Sechzigjähriger hat mehr Sex als ein Dreißigjähriger, der zehn Jahre mit derselben Frau zusammen ist. Zum Begehren gehört, ein Stück Fremdheit und auch Entfremdung zuzulassen. Da kommen Paare, die sagen, bei uns ist alles prima, wir streiten nie, wir arbeiten in derselben Firma, wir verstehen uns sooo gut – nur die Sexualität klappt nicht! Na, wenn man 24 Stunden zusammen ist und sich nie streitet, kann es keinen guten Sex geben.

Männer mögen Pornos, Frauen nicht – auch ein Mythos?

Mainstreampornografie ist eine Reha-Einrichtung für überholte Männerfantasien und für Frauen todlangweilig. Aber es gibt immer mehr Amateurpornografie, die auch auf weibliche Interessen eingeht. Frauen wollen eine Geschichte, und vor allem wollen sie Worte. Deswegen werden sie gerade Weltmeister beim sexuellen Chatten.

Transsexuelle sind medial präsent, gerade hat sich US-Athlet Bruce Jenners als Frau geoutet. Sie sind auf Transsexualität spezialisiert, welche Ursachen hat sie?

Viele, nicht nur biologische. Oft ist Transsexualität Ausweg aus einem psychischen Problem. Ich kenne etliche als Kind schwer missbrauchte biologische Frauen, die später transsexuell wurden. Man kann versuchen, das Trauma zu bearbeiten, damit sie Frau werden können, manchen geht es aber erst besser, wenn sie ein Mann werden.

Gibt es mehr Transsexuelle als früher?

Schwer zu sagen, aber vermutlich nicht. Auch bei Homosexualität hat sich der Prozentsatz nicht erhöht.

Und bei der Bisexualität?

Sie wird immer attraktiver, weil das Klima offener wird. Frauen waren sowieso immer bisexueller als Männer. Ihre Sexualität war früher weniger sichtbar, das brachte auch ein wenig Freiheit. Die Nazis haben homosexuelle Männer eingesperrt und umgebracht, homosexuelle Frauen weniger. Wir Frauen können überhaupt viel Männliches übernehmen, ohne dass man uns für männlich hält. Bei Männern sind die Anforderungen strenger.

Männliche Sexualität gilt auch als viel verdächtiger als die weibliche, die Pädophiliedebatten haben das verstärkt.

Die pädosexuelle Panik halte ich für maßlos übertrieben. An vielen Orten darf man kleine Kinder nicht mehr nackt ins Meer lassen, Zweijährige sollen schon Badeanzüge anziehen, denn sonst könnte ein Pädo sie sehen. Schauen Sie sich mal die Bademode an, die ist sexualisierend! Sie macht im Grunde aus Kleinkindern schon Barbiepuppen. Ich finde also die Verhüllung sexualisierend, nicht, dass ein Kind nackt ins Meer geht. Und ein männlicher Erzieher darf einen kleinen Jungen heute nicht mehr in den Arm nehmen oder mit ihm aufs Klo gehen, ohne dass man denkt, das ist ein Pädo.

Dabei braucht es männliche Erzieher.

Und wie! Im Moment gilt das Weibliche als das Ideale, die Männer als defizitäres Modell. Wie erzieht man also einen kleinen Jungen, dass er sich gut fühlt und stolz sein kann als Junge? Wir halten heute Normales für ein Problem, in Bayern gibt es ganze Dörfer, in denen die Buben Ritalin schlucken müssen, damit sie gut in der Schule sind und lieb mit Mama! Könnten sie sich körperlich austoben, müssten viele kein Ritalin schlucken.

ZUR PERSON

Sophinette Becker leitete bis 2010 die Sexualambulanz an der Uni Frankfurt. Die deutsche Psychotherapeutin und Sexualwissenschaftlerin ist seit vielen Jahren auf Transsexualität und andere Störungen der Geschlechteridentität spezialisiert, aber auch auf den kulturellen Wandel der Sexualität. Sie war lange Zeit Mitherausgeberin der renommierten „Zeitschrift für Sexualforschung“. In Wien hielt sie am 24. April an der Medizinischen Universität Wien einen Vortrag über „Geschlecht und sexuelle Orientierung in Auflösung – was bleibt?“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.04.2015)

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