Mit Kamera, Kind und Kegel durch die Welt

Geschichte. Colin Ross bereiste die Welt und machte aus sich eine Marke. Dabei verkaufte er sich auch an die Nazis, verfocht aber immer seine eigenen geopolitischen Ideen: Er propagierte die Aufteilung der Welt in große Einflusssphären.

Irgendwo in Afrika, Südamerika, Australien, Indien, China, Japan, Indonesien oder Ozeanien fangen ein Bub und ein Mädchen Schlangen und Spinnen. Sie reiten mit einem Pferd, Kamel oder Elefanten durch unberührte Landschaft. Sie sprechen mit den „Eingeborenen“. Sie beherrschen die Natur. Sie machen das aber nicht allein. Die Kamera des Vaters hält alles penibel fest. Colin Ross war der deutschsprachige Reisejournalist der Zwischenkriegszeit. Er brachte Bilder der großen, weiten Welt nach Deutschland und Österreich.

„Ross bereiste Gebiete, die nur auf abenteuerlichen Wegen bestritten werden konnten. Er war damals der einzige Reporter, der tatsächlich durch die Welt tingelte“, sagt Siegfried Mattl, Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Uni Wien. Er produzierte Filme und Fotobücher und schrieb für zahlreiche Zeitungen, unter anderem für die Berliner Illustrierte, einem der damaligen Großblätter Deutschlands.

Ein geschickter Schachzug war, dass er stets mit Familie reiste. Er hatte seine Frau, seine Tochter und seinen Sohn bei seinen monate- und jahrelangen Reisen bei sich. „Das war etwas ganz Besonderes und ein Alleinstellungsmerkmal. Es wurde sein Label. Die Marke ,Mit Kamera, Kind und Kegel durch die Welt‘ war geboren“, sagt Mattl, der nun in einem Projekt des Ludwig-Boltzmann-Instituts die in Vergessenheit geratenen Werke des Colin Ross aufarbeitet.

 

Mentor prägte „Lebensraum“

Colin Ross' Weg zum Reisereporter war nicht vorgezeichnet. Um 1900 studierte er Maschinenbau und Hüttenwesen in Berlin sowie Volkswirtschaft, Geschichte und Geopolitik in München. Karl Haushofer war sein Mentor in der Geopolitik: jener Wissenschaftler, der den Begriff „Lebensraum“ prägte, den die Nazis später aufgreifen sollten.

Nach dem Studium arbeitete Ross als Ingenieur für das Berliner Technische Museum. Um für das Museum eine Ausstellung vorzubereiten, reist er 1911 in die USA, wo er unter anderen auf den Erfinder und Unternehmer Thomas Alva Edison traf. Aber Ross interessierte sich für etwas anderes: den mexikanischen Bürgerkrieg.

„Ross nahm sich Urlaub und reiste nach Mexiko, wo er mitten im Krieg landete“, so Mattl. Er schrieb für zahlreiche Zeitungen über den Sturzversuch des diktatorisch regierenden Langzeitpräsidenten Porfirio Diaz. Ross erfand somit den „embedded journalism“, also die zivile Berichterstattung aus Kriegsgebieten. Mattl sagt: „Das brachte ihm sofort eine große Karriere. Er wird zum Chefredakteur einer der wichtigsten deutschen illustrierten Zeitschriften – der ,Zeit im Bild‘ – und berichtete weiter von den Kriegsschauplätzen der damaligen Zeit, etwa von den Balkankriegen 1913.“

 

Aufklärer der Außenpolitik

Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurde Ross zum Reisejournalisten, wobei seine Filme nicht nur unterhielten. Sie sollten auch bilden und geopolitisches Denken vermitteln. Er propagierte die Aufteilung der Welt in große Einflusssphären. In seinem Großraumdenken sollte Deutschland Europa, die USA die beiden amerikanischen Kontinente und Japan den pazifischen Raum kontrollieren. Großmächte sollten „Lebensräume“ beherrschen. Haushofer schrieb 1935, dass Ross ein „Scout“, also ein Aufklärer des außenpolitischen Denkens sei. In der Zwischenkriegszeit war Ross der bekannteste Reisereporter. Er vermochte die Geopolitik zu Hause „unbedingt zu beeinflussen“, sagt Mattl. Ross zeigte seine Filme in Kinos und auf Vortragsreisen, wo er sich mit der damaligen deutschen Außenpolitik auseinandersetzte und diese zum Teil auch scharf kritisierte: So trat er etwa 1923 für ein deutsch-sowjetisches Wirtschaftsbündnis ein, das dann in den ersten Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges tatsächlich zustande kam.

 

Ross war ein „Nazi-Dandy“

Ross war auch Protagonist, was ihn zum Parteigänger der Nazis werden ließ. Baldur von Schirach, Reichsjugendführer und Gauleiter von Wien, war sein enger Freund. Aber Ross stand gleichzeitig mit einer gewissen Distanz zum Nationalsozialismus. Zwar war er Parteimitglied, aber „viel zu eitel, selbstbewusst und sich seiner sicher, um einer schnöden Propaganda anzuhängen oder sich einem Nazislogan zu unterwerfen. Er war ein Nazi-Dandy“, sagt Mattl. Dennoch vertrat er die Nazis auch nach außen hin. In den späten 1930er-Jahren führte er etwa ein öffentliches Streitgespräch mit dem New Yorker Bürgermeister Fiorello LaGuardia über die Rolle und Zukunft des Nationalsozialismus.

Ross vertrat aber nie den völkischen Rassismus: „Er dachte, dass gewisse Räume von gewissen Körpern und Mentalitäten bewohnt werden müssten. Chinesische Flusslandschaften brauchten etwa andere Einwohner als das klein strukturierte, nationalstaatliche Europa“ erklärt Mattl.

Dabei ging er aber nie so weit zu sagen, dass ein gewisses Gebiet von überlegenen „weißen Rassen“ kontrolliert oder unterdrückt werden müsse. Im Gegenteil: Er war sich sicher, dass Herrschaftsmethoden nur funktionieren, wenn die lokale Bevölkerung miteingebunden werde.

Welche Rolle die Deutschen und Österreicher bei der „Ross'schen“ Herrschaftsausübung einnehmen hätten sollen, ist Teil des Forschungsprojektes.

LEXIKON

Colin Ross wurde am 4. Juni 1885 in Wien geboren. Er studierte Maschinenbau, Hüttenwesen, Volkswirtschaft, Geschichte und Geopolitik und wurde Journalist. Am 29. April 1945 begingen er und seine Frau, Elisabeth, Suizid.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2015)

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