Das emotionale Gedächtnis bleibt trotz Demenz

Vergessen. Wer schon früh eine spätere Demenzerkrankung erkennt, hilft sich und den Angehörigen. Demenzforscherin Stefanie Auer sucht nach Methoden für eine möglichst rasche Diagnose und besserer Hilfe bei der Betreuung.

Seniorin mit Gehstock
Seniorin mit Gehstock
Seniorin mit Gehstock – (c) Erwin Wodicka - BilderBox.com

Es stimmt schon, Demenz ist nicht heilbar, wenn sie einmal da ist. Aber es gibt Erfolge. „Die Präventionsmaßnahmen, die Präventionsprogramme faszinieren mich“, sagt Stefanie Auer. Deswegen hat sich die wissenschaftliche Leiterin der MAS Alzheimerhilfe und Uni-Professorin für Demenzforschung für diese Sparte entschieden. Ursprünglich wollte sie mit Kindern arbeiten, dann aber entdeckte die Psychologin die umfassenden Probleme, die mit Demenz zusammenhängen.

Forschungsaufenthalt in den USA, Erarbeitung eines Modellprojekts für den Fonds gesundes Österreich 2001/02, Aufbau einer neuen Demenzbetreuung in Oberösterreich und nun, ab 2015, Professorin für Demenzforschung an der Donau-Uni Krems (DUK): In all diesen Stationen war der Fokus von Stefanie Auer auf die erstmals im Jahr 1901 von Alois Alzheimer beschriebene Krankheit gerichtet. Nach dem Demenzbericht 2014 der Bundesregierung sollen in Österreich an die 130.000 Personen von Demenz betroffen sein. Wobei genaue statische Angaben nicht vorliegen, diese Zahl wurde vielmehr aus internationalen Untersuchungen abgeleitet.

 

Lebensqualität ist zu erhalten

In dem oberösterreichischen Modellprojekt der Demenzservicestelle stehen die stadienspezifische Förderung der erhaltenen Funktionen einer Person mit Demenz sowie die Entlastung und Information der Angehörigen im Vordergrund. Mit diesen Zielsetzungen leitete die DUK-Professorin von Anfang an dieses Projekt. Menschen mit Demenz haben keine verringerte Lebenserwartung, „unsere Bemühungen sind darauf gerichtet, die Lebensqualität der Betroffenen zu sichern“.

Diese kann entscheidend verbessert werden – auch für die Angehörigen –, wenn die Defizite frühzeitig erkannt werden und man entsprechende psychosoziale Behandlungsprogramme nutzt. In einer Demenzservicestelle kann Hilfe angeboten werden, die von einer Verzögerung des Demenzbeginns bis zu einer Aufschiebung im letzten Lebensabschnitt reicht.

In der Modellregion Oberösterreich bestehen nun sechs derartige Beratungsstellen der MAS Alzheimerhilfe (in den anderen Bundesländern gibt es keine oder nur erste Schritte für eine flächendeckende Einführung), die, so Auer, „niederschwellig angelegt sein müssen“. Es müsse Menschen, die sich hinsichtlich einer möglichen Demenz unsicher fühlen bzw. darüber Auskunft erhalten wollen, der Besuch leicht gemacht werden. Jede Demenzservicestelle ist mit einer Sozialarbeiterin und einer Psychologin besetzt. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit Fachärzten und Hausärzten. Dazu werden im ganzen Bundesland 50 bis 60 Trainer beschäftigt.

 

Training je nach Stadium

Pro oberösterreichischer Servicestelle werden an die 200 Personen betreut. „Bei einem Drittel der Personen kann eine beginnende oder im Vorstadium befindliche Demenz festgestellt werden“, sagt Stefanie Auer, „rund die Hälfte derjenigen, die zu uns kommen, nimmt an einem Training teil.“ Bei diesen Angeboten gehen die sechs oberösterreichischen Teams auf die individuelle Situation, vor allem auf die bestehenden Fähigkeiten der Personen ein. Dabei handelt es sich je nach dem Stadium der Krankheit um das Ausloten des vorhandenen Leistungsniveaus.

Das kognitive Training besteht etwa aus Gedächtnis- und Wahrnehmungsaufgaben, das körperliche Training hat zum Ziel, die körperliche Fitness zu erhalten. Ein Augenmerk richtet sich auf die Erhaltung der Beweglichkeit, da Menschen mit Demenz häufig besonders sturzgefährdet sind. „Menschen mit Demenz können lernen, auch Neues lernen“, sagt die DUK-Professorin.

Bei der Suche nach neuen Erkenntnissen ist das Training das eine Herzstück in der Arbeit Auers, das zweite liegt bei der Optimierung des Verhaltens der Betreuungspersonen. „Wir brauchen nicht nur die Entlastung, sondern vor allem die Wertschätzung der Angehörigen in der Gesellschaft.“ Angehörige erbringen ungeheure Leistungen in ihrer täglichen Betreuung von Menschen mit Demenz. Diese reichen von der Begleitung und Anleitung bis hin zur aktiven Hilfestellung bei der Bewältigung des Alltags. Dies kann zuweilen eine 24-Stunden-Tätigkeit sein. Wenn eine tägliche Beschäftigung und Förderung angeboten werden, lässt auch die Schlaflosigkeit nach, die Energie muss auch bei Personen mit Demenz ausgeschöpft werden – da unterscheiden sie sich nicht von allen anderen Menschen.

 

Erlebnisse noch im Gedächtnis

In ihren Forschungsfokus stellt Stefanie Auer die Früherkennung der Demenz und die Elemente der Betreuungsangebote, die mit wissenschaftlichen Methoden überprüft werden müssen. In der Folge könnten bestehende Methoden, wie etwa die Wirksamkeit des Trainings, verbessert und erweitert werden. Das emotionale Gedächtnis bleibe bei Personen mit Demenz stets erhalten, weiß Auer. „Menschen erinnern sich in allen Stadien an wichtige und essenzielle Erlebnisse und Eindrücke.“ Man dürfe daher im Umgang mit ihnen nicht davon ausgehen, dass sie nichts mehr wissen. Auch wenn ein Name nicht mehr abgerufen werden kann, wird eine wichtige Person als vertraute Person erkannt und geschätzt. Das Leiden einer Person mit Demenz besteht vor allem darin, dass sie von ihrer Umgebung nicht wertgeschätzt wird.

Die Zunahme der Demenzerkrankungen erklärt sich durch die weltweit gestiegene Lebenserwartung. Die Mehrzahl der Neuerkrankungen tritt ca. ab dem 65. Lebensjahr auf. Neuere epidemiologische Studien zeigen, dass die Präventionsprogramme der vergangenen Jahre – vor allem jene, die auf Herzgesundheit gerichtet sind – Früchte tragen und zu einem zaghaften Rückgang der Neuerkrankungen führen. Hier setzt die verstärkte Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Demenz an.

ZUR PERSON



Stefanie Auer
wurde im Jänner 2015 als Uni-Professorin für Demenzforschung an das Department für Klinische Neurowissenschaften und Präventionsmedizin der Donau-Uni Krems berufen. Die 1961 geborene Oberösterreicherin studierte Psychologie an der Uni Graz. Sie war an der Uni Erlangen-Nürnberg und der New York University tätig. In Österreich leitete sie für den Fonds gesundes Österreich das Modellprojekt für Demenzbetreuung Oberösterreich und ist zudem wissenschaftliche Leiterin der MAS Alzheimerhilfe.

Österreich-Bericht. Auf 220 Seiten gibt der „Österreichische Demenzbericht 2014“ einen Überblick über die Situation der Demenzerkrankungen und die Demenzforschung. 51 Autorinnen und Autoren, darunter auch Auer, beleuchten das Thema. Die Bundesregierung hat die Erarbeitung einer Demenzstrategie angekündigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2015)

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