Philosophicum Lech vergibt „Tractatus“

Jährlich 25.000 Euro für philosophischen Essay. Die Jury wählt aus bereits erschienenen, deutschsprachigen Büchern, die sich, so Liessmann, „in einer allgemein verständlichen Sprache und auf hohem Reflexionsniveau den Problemen der Zeit widmen“.

SCHRIFTSTELLER MICHAEL KOEHLMEIER
SCHRIFTSTELLER MICHAEL KOEHLMEIER
(c) APA (Hans Klaus Techt)

Von einer „Werbestrategie für den Geist“ spricht Michael Köhlmeier: Vor über zwölf Jahren hatte der Vorarlberger Schriftsteller die Idee für das – seither höchst erfolgreiche – „Philosophicum Lech“, nun kam von ihm die Anregung, einen Preis für philosophische Essayistik zu stiften. Er heißt (im Geiste Spinozas und Wittgensteins) „Tractatus“ und wird ab heuer einmal jährlich vom Philosophicum Lech vergeben. Dessen wissenschaftlicher Leiter, Konrad Paul Liessmann, sieht ihn in einer Liga mit dem Sigmund-Freud-Preis, dem Jean-Amery-Preis und dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse.

 

Jury wählt aus Büchern aus

Dieser stolze Anspruch wird durch eine – von einem anonymen privaten Mäzen ermöglichte – stolze Preissumme untermauert: 25.000 Euro. Über sie verfügt eine dreiköpfige Dreiländerjury: der österreichische Journalist Helmut A.Gansterer, die Schweizer Philosophin Ursula Pia Jauch und der deutsche Philosoph Rüdiger Safranski, alle drei selbst Buchautoren zu Themen von Globalisierung (Safranski) über „Damenphilosophie und Männermoral“ (Jauch) bis zum „neuen Mann von Welt“ (Gansterer).

Feierlich verliehen wird der „Tractatus“ in Lech beim Philosophicum. Man kann sich nicht für ihn bewerben. Die Jury wählt aus bereits erschienenen, deutschsprachigen Büchern, die sich, so Liessmann, „in einer allgemein verständlichen Sprache und auf hohem Reflexionsniveau den Problemen der Zeit widmen“.

Vorbildlich kann da wohl die bisherige Themenliste des Philosophicums sein, die sich in Schlagworten so fassen lässt: das Böse, die Kunst, das Verschwinden, der Krieg, der Eros, die Medien, der Tod, die Lüge, der Wert, die Freiheit, die Religion, das Geld. Bisweilen war das Symposium aktueller als geplant, so kollidierte es 2008 mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise. Der Tagungsband „Geld. Was die Welt im Innersten zusammenhält“ ist soeben im Zsolnay-Verlag erschienen, er enthält brillante Vorträge, etwa von Wolfgang Ullrich über das Badezimmer als Innenraum des Kapitalismus, von Jochen Hörisch über die Verwandtschaft von Geld und christlichem Abendmahl, von Stephan Schulmeister über die manisch-depressiven Finanzmärkte.

2009 scheint das Thema weniger tagesaktuell: „Vom Zauber des Schönen. Reiz, Begehren und Zerstören“ (siehe Kasten) – doch auch hier sind sogar schon im Vorfeld Synchronizitäten möglich, wie Liessmann scherzte: „Kaum setze ich das Thema Schönheit an, zerstört eine Schönheitskönigin ihre Beziehung!“. tk

PHILOSOPHICUM NR. 13

„Vom Zauber des Schönen. Reiz, Begehren und Zerstörung“ ist das Thema in Lech am Arlberg von 16. bis 20.September: Es sprechen u.a. Birgit Schwarz über bildende Kunst im Dritten Reich, Bernadette Wegenstein über den „kosmetischen Blick“, Thomas Küpper über Kitsch, Karl Grammer über evolutionspsychologische Grundlagen der Schönheit, Werner Bätzing über die Alpen als Sport-, Event- und Fun-Region. Es moderieren K.P.Liessmann und „Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker. Info: www.philosophicum.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2009)

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