Österreich steigt beim CERN aus

Minister Johannes Hahn erklärte, dass die Mitgliedschaft beim europäischen Zentrum für Teilchenphysik in Genf gekündigt wird. Das frei gewordene Geld soll in andere internationale Projekte fließen.

(c) AP (Martial Trezzini)

Vor exakt 50 Jahren wurde Österreich Mitglied beim CERN, der weltgrößten Teilchenbeschleunigeranlage bei Genf. Gestern, Donnerstag, hat Wissenschaftsminister Johannes Hahn das Parlament darüber informiert, dass er die Teilnahme an dieser Großforschungseinrichtung ab dem Jahr 2011 beenden will. Den jährlichen Beitrag von rund 20 Millionen Euro (davon 16 Millionen Euro als Fixum, der Rest sind Projektkosten) will Hahn zumindest zum Teil in andere internationale Kooperationen umschichten.


Diese Entscheidung folgt der Prüfung aller rund 50 österreichischen Beteiligungen an internationalen Forschungsinfrastrukturprojekten. 70 Prozent der dafür budgetierten Mittel fließen in das CERN. Der Analyse zufolge stimmt das Verhältnis zwischen Kosten und Nutzen nicht: Nach dem Auslaufen der Teilchenphysik an österreichischen Unis blieb als österreichischer „Brückenkopf“ für das CERN praktisch nur das Institut für Hochenergiephysik (HEPHY) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW).
Gleichzeitig steige aber die Zahl der möglichen Beteiligungen an Großforschungsanlagen – allein in der europäischen ESFRI-Liste gibt es 42 interessante Projekte. Mangels budgetärer Mittel wäre daran keine Beteiligung möglich, daher wären mehrere wichtige Universitätsstandorte – Hahn nannte Graz, Innsbruck und Wien – vom Zugang zu neuen Forschungseinrichtungen praktisch abgeschnitten gewesen. „Das Budget erhöht sich nicht im selben Ausmaß wie das Angebot“, sagte der Minister.


Mehr Nutzen für Österreich


Am CERN arbeiten derzeit rund 150 Österreicher, davon 13, die direkt von der ÖAW bezahlt werden. Dazu kommen noch Dutzende Dissertanten, für die es spezielle Stipendien gibt. Bei einzelnen Projekten will Österreich freilich weiter am CERN tätig bleiben, das scheint auch möglich: Neben 20 Vollmitgliedern unterhalten rund 30 weitere Staaten Kooperationen.
Alternativen, die in den Augen des Wissenschaftsministeriums mehr Nutzen für Österreich stiften können, gibt es einige. Sie sollen an Forschungsschwerpunkte von Universitäten andocken, in denen Österreich exzellent ist. So besteht die realistische Chance, die Zentrale für die geplante Biobank BBMRI nach Österreich zu bekommen. Die Vorbereitungen für die 170 Millionen Euro teure Sammlung von menschlichen Geweben werden vom Grazer Pathologen Kurt Zatloukal geleitet. Ein „Memorandum of Understanding“ hat Österreich bereits für den in Darmstadt geplanten Teilchenbeschleuniger FAIR unterzeichnet, auch beim geplanten Teleskop E-ELT – mit einem Durchmesser von 42 Metern das weltgrößte Fernrohr – will Österreich dabei sein. Interesse besteht weiters am deutschen Röntgenlaser XFEL oder an CLARIN, einer riesigen Datenbank, mit der Texte wissenschaftlich aufbereitet werden sollen.


Für den Ausstieg aus CERN ist noch ein Regierungs- und Parlamentsbeschluss sowie eine Ermächtigung des Bundespräsidenten nötig, bis Jahresende soll das Außenministerium dann den Staatsvertrag mit dem CERN lösen. Das „Conseil Européen pour la Recherche Nucléaire“ wurde im Jahr 1954 gegründet, hat 3400 Mitarbeiter und beherbergt jährlich 8000 Gastwissenschaftler aus 85 Nationen. Das Budget lag zuletzt bei 694 Millionen Euro.

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