Sterile Räume gibt es nicht

Mikrobiologie. In sterilen Reinräumen und auf der Intensivstation leben Bakterien in der Luft und auf Oberflächen: Sie stammen von Pflanzen.

„Als wir vor einigen Jahren gebeten wurden, das Mikrobiom in Reinräumen zu untersuchen, waren wir anfangs skeptisch“, sagt Gabriele Berg. Denn ein Reinraum soll doch frei von Keimen sein, quasi das Worst-Case-Szenario für Mikrobiologen. „Dann waren wir aber überrascht, wie viele Mikroorganismen in sterilen Räumen zu finden waren“, sagt die Umweltbiotechnologin der TU Graz.

Die Räumlichkeiten für die Tests der Forscher waren am Grazer Universitätsklinikum, in der Intensivstation. „Durch die starken Hygienemaßnahmen ist das Mikrobiom, also die Gesamtheit der Mikroorganismen, auf der Intensivstation natürlich verarmt. Aber es ist da“, sagt Berg. Es handelte sich jedoch hauptsächlich nicht um schädliche Keime, die gefunden wurden, sondern um viele nützliche Bakterien, die als schützende Begleiter auf Pflanzen bekannt sind. „Wir haben uns gefragt: Wie kommen die dorthin, wo doch Pflanzen verboten sind?“

 

Lüften bringt gute Bakterien herein

Anscheinend kamen die Bakterien, die auf Blattoberflächen vorkommen, durch offene Fenster herein: obwohl das Lüften auf Intensivstationen grundsätzlich verboten ist. Vergleiche mit Studien aus den USA, wo das Öffnen der Fenster in vielen Gebäuden technisch gar nicht möglich ist, haben die Theorie der Grazer Forscher unterstützt: In den USA fanden sich keine Bakterien der Pflanzen in Intensivstationen. „Unsere Arbeit zeigt aber, wie positiv sich dieses Mikrobiom auf die Innenraumluft auswirkt. Es brauchte also einmal mehr eine aufwendige Studie, um ein herkömmliches Allgemeinwissen zu belegen: Fensteröffnen ist das Gesündeste für ein Bauwerk“, sagt Berg.

Wie stark die Anwesenheit von Pflanzen das Mikrobiom in einem Innenraum verändert, hat das Grazer Team in Versuchskammern gezeigt: Verschiedene Zimmerpflanzen wurden für sechs Monate in einem Raum gehalten und anschließend das Mikrobiom der Innenluft und das, das sich auf Tischen und Oberflächen bildet, untersucht. „Der positive Effekt ist stark“, sagt Berg. Sogar Pflanzen wie „Beamtengras“ und Grünlilien, die fast steril aussehen, verbessern nicht nur Raumklima oder Qualität der Luft, sondern eben die Mischung aus Bakterien und Pilzen im Raum.

Die Forscher betonen also, dass übertriebene Hygiene nicht immer zielführend ist. „Es braucht ein neues Verständnis von Sterilität und Hygienemaßnahmen im Krankenhausbetrieb: Man sollte das nützliche Mikrobiom fördern, um potenzielle Krankheitserreger zu verhindern.“ (vers)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.07.2015)

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