Debatte: Wie ökonomisch darf Medizin sein?

Österreichs Bioethikkommission wagt sich an ein Tabuthema. Binnen zwei Jahren will man Strukturen für gerechte Verteilungsentscheidungen entwickeln.

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(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)

Soll ein 95-Jähriger ein neues Hüftgelenk bekommen? Soll die Allgemeinheit Pillen finanzieren, die tausend Dollar pro Stück kosten? Kurz: Nach welchen Kriterien soll das Geld im Gesundheitssystem verteilt werden? Was wäre denn gerecht?

Das neue Thema, das sich die Bioethikkommission vorgenommen hat, ist ein stiller Riese. Denn die Frage, welche Behandlungen die Allgemeinheit warum (nicht) bezahlen soll, durchzieht die gesamte Medizin, wird aber in Österreich – anders als etwa in Schweden – kaum laut diskutiert. Entschieden wird sie freilich trotzdem täglich, aber verdeckt, ohne ethische Begründung, oft von überforderten Medizinern am Krankenbett. Ein unbefriedigender Zustand, wie die Kommissionsvorsitzende Christiane Druml findet – und einer, der nicht zu halten ist: Die Menschen werden älter, die Mittel knapper und die medizinischen Möglichkeiten mehr und teurer. Binnen zwei Jahren will die Kommission Strukturen für gerechte Verteilungsentscheidungen entwickeln. Die Ansätze wurden bei einem Expertengespräch am Montag vor der öffentlichen Auftaktsitzung skizziert.

 

Teures Lebensende

Ein Großteil der Kosten, sagt Georg Marckmann von der Ludwig-Maximilians-Universität München, falle knapp vor dem Lebensende an. Der Grund? Eine Tendenz zur Übertherapie, die weder medizinisch noch ökonomisch sinnvoll sei. Würde man die Betroffenen vernünftig und rechtzeitig aufklären, glaubt Marckmann, würden sich diese selbst gegen viele der Maßnahmen entscheiden – wobei bei der Beratung der Spareffekt selbstverständlich nur Nebenwirkung, nie Motiv sein dürfe.

Ein weiterer Ansatzpunkt sind die steigenden Medikamentenkosten. Peter Ferenci, Hepatologe an der Med-Uni Wien, sieht hier ein „korruptes System“: Er fordert bessere staatliche Überprüfung von Wirksamkeitsstudien. Er plädiert auch für langfristigere Berechnungen der Krankenkassen: So sei es nicht nur unethisch, sondern auch unwirtschaftlich, dass das neue teure Hepatitis-C-Medikament erst im fortgeschrittenen Stadium verschrieben werden dürfe. Einig sind sich die Experten, dass Alter allein kein Verteilungskriterium sein darf. Ein fitter 95-Jähriger solle sein neues Hüftgelenk bekommen, sagt Marckmann – es müsse ja nicht eines sein, das 20 Jahre hält. (uw)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.10.2015)

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