Schrift umgibt den kindlichen Alltag

Sparkling Science. Wiener Schüler zeigen Forschern und Lehrern, wie sie – auch außerhalb der Klasse – mit Schrift umgehen. Wo, wann und was lesen sie? Einfache Texte und neue Medien motivieren beim Lesen.

Wenn Kinder zu lesen beginnen, lesen sie buchstäblich alles, was ihnen in die Quere kommt: Nicht nur Bücher und Zeitungen, sondern Aufschriften, Schilder, Aufdrucke oder Plakate. „Schrift ist in unser Gesellschaft überall präsent und mit sozialen Handlungen – in der Fachsprache literale Praktiken genannt – verbunden“, sagt Nadja Kerschhofer-Puhalo vom Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien.

Sie leitet das vom Wissenschaftsministerium geförderte Sparkling-Science-Projekt „My Literacies“, bei dem sie gemeinsam mit Schülern und Lehrern der Wiener Volksschulen Neustiftgasse, Ortnergasse und Astrid-Lindgren-Schule alltägliche Leseorte aufspürt. Kinder lesen nicht nur in der Schule, sondern in vielen anderen Kontexten wie etwa im Straßenverkehr oder im Supermarkt. Was die Schüler wo lesen, dokumentieren sie im Projekt mit Digitalkameras: Wie „kleine Reporter“ fotografieren sie Geschriebenes im Alltag. Die Forscher und Lehrer besprechen dann mit ihnen die Bilder. Diese zeigen, dass gerade die selbstständigen Lesetätigkeiten eng mit den neuen Medien verbunden sind.

Kinder lesen nicht nur in Büchern, sondern am Handy, in sozialen Gruppen wie auch in Computerspielen. Schrift wirkt hier gemeinsam mit Bild, Farbe und Ton: Das Lesen mit Hilfe neuer Medien ist für Kinder sehr attraktiv. „Der Umgang mit digitalen Bildern und neuen Technologien ist für die Kinder ganz selbstverständlich“, sagt Kerschhofer-Puhalo. Dasselbe gilt auch für die Mehrsprachigkeit: Nicht nur Englisch, auch andere Sprachen sind für die Wiener Volksschüler alltäglich. Schüler, die Deutsch als Zweitsprache sprechen, sind beim Lesen nicht schlechter oder besser als einsprachige Kinder, wie ein Vorgängerprojekt der Forschergruppe um Kerschhofer-Puhalo zeigte: Das sei von Kind zu Kind verschieden.

„Mir geht es darum, Diskurse über Differenzen und Defizite zu durchbrechen und neue Herangehensweisen zum Thema Lesen – gerade aus Sicht von Kindern – aufzuzeigen“, sagt die Projektleiterin. Wichtig sei die Förderung individueller Zugänge, um eine eigene Lese-Identität zu entwickeln. Die Beiträge der Schüler zeigen, was sie motiviert: Alltägliche Lesetexte, Mehrsprachigkeit und besonders die modernen Technologien fördern ihre Leseentwicklung. (por)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2015)

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