Krebsforschung: Tumore stabilisieren statt töten

Ein Mathematischer Onkologe fürchtet, dass ein Ausrotten von Krebs unmöglich sei und das Problem noch verschärfen könnte. Er schlägt daher vor, nicht alle Tumorzellen zu töten, sondern nur die nötigsten.

DENDRITISCHE ZELLEN (Krebsbekaempfung)
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DENDRITISCHE ZELLEN (Krebsbekaempfung)
(c) APA (Kompetenzzentrum Medizin Tirol/kmt)

1908 rief der Arzt Paul Ehrlich nach „magic bullets“ gegen Infektionserreger und Tumore – er verwendete den englischen Ausdruck –, die den Feind und nur ihn tödlich treffen sollten. Bei den Bakterien sah es 50 Jahre später so aus, als ob die Wunderwaffen da wären, Anfang der 70er-Jahre waren Antibiotika so erfolgreich, dass an US-Universitäten viele Institute geschlossen wurden, die sich mit Infektionserregern befassten.

So rief der US-Präsident 1971 einen analogen „War on Cancer“ aus. Der ist bis heute nicht gewonnen, so wenig wie der gegen Infektionserreger: Beide entwickeln Resistenzen gegen Wunderwaffen. Deshalb plädierte Nobelpreisträger Joshua Lederberg im Jahr 2000 im Fall der Infektionserreger für eine Blickwende: „Teach war no more!“ Die „Metapher vom Krieg“ sollte durch eine „ökologisch informierte Metapher“ ersetzt werden, die die „Interessen“ von Bakterien etc. mitbedenkt, die nichts davon haben, wenn sie ihren Wirt töten (Science, 288, S. 287).

Ökologie statt Wunderwaffen

Einen ähnlichen Vorstoß bei Krebs unternimmt nun Robert Gatenby, Mathematischer Onkologe am Moffitt Cancer Center, Tampa: „Die Prinzipien einer erfolgreichen Krebstherapie mögen nicht in ,magic bullets‘ der Mikrobiologie liegen, sondern in der evolutionären Dynamik angewandter Ökologie.“ Gatenby geht davon aus, dass ein Ausrotten von Krebs nicht nur „unmöglich sein, sondern das Problem noch verschärfen könnte“. Das zeigt für ihn die Analogie mit der Landwirtschaft: Man rottet mit Giftspritzen Unkräuter nie aus, im Gegenteil, man lässt sie resistent werden (und braucht neue Gifte). Aber „integriertes Management“ spritzt nicht alles nieder, sondern lässt auch Pflanzen leben, die nicht resistent sind, die konkurrieren dann mit den resistenten (die zahlen für die Resistenz meist einen Preis).

Das Gleiche schlägt Gatenby bei Tumoren vor: Nicht den großen Schlag, den doch manche Tumorzellen überleben, die anschließend – noch aggressiver – das Feld allein beherrschen. Sondern eine Strategie, die den Tumor stabil hält: „Nicht die maximale Zahl von Tumorzellen töten, sondern die geringstnötige“.  Gatenby hat es in Modellen durchgerechnet, er hat auch – an Mäusen – gezeigt, dass es funktionieren kann (erscheint diese Woche in Cancer Research). Aber er weiß auch, dass sein Vorschlag „für Ärzte und Patienten schwer zu akzeptieren sein wird“. (Nature, 459, S. 509)            jl

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2009)

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