Schlachtfeld Mutterleib

Eitel Wonne herrscht nicht zwischen werdenden Müttern und werdenden Kindern. Beide Seiten verfechten ihre Interessen mit Genen und Chemie.

Ars Electronica - Embryo
Ars Electronica - Embryo
Der Fötus zieht viele Fäden im Mutterleib, er tarnt sich und zapft Ressourcen an. – APA

Nie sind zwei Menschen so innig miteinander verbunden, wie es eine werdende Mutter mit ihrem werdenden Kind ist, sie teilen jeden Atemzug und jede Mahlzeit. Und doch ruht Jahwes Fluch – „unter Schmerzen sollst du gebären!“ (Genesis 3, 16) – nicht erst auf dem Moment der Trennung, von Anfang an herrscht keine Harmonie, geschweige denn Idylle, ganz im Gegenteil, die Beziehung ist konfliktgeladen, und zudem ist noch ein Akteur dabei, der Vater.

Er ist es durch seine Gene im Kind. Diese respektive ihre Proteine sind für die Mutter fremd, und Fremdes wird für gewöhnlich vom Immunsystem attackiert. Zwar gibt es im Körper auch „immunprivilegierte Regionen“, in denen die Abwehr schwach ausgeprägt ist, der Uterus gehört dazu. Aber dort kann viel eindringen, wachsam muss es schon sein, das Immunsystem. Deshalb legen Embryos eine Tarnkappe an, und diese entlehnen sie ganz anderen Erfindern: Krebszellen. Lucia Mincheva-Nilsson hat in Plazentagewebe Boten-RNA für ein Protein gefunden, mit dem Tumore die Immunabwehr dämpfen (MIC) – und im Blut werdender Mütter hat sie MIC-Gehalte gefunden, die hundertmal so hoch sind wie bei Nichtschwangeren (Journal of Immunology 176, S. 3585).

Aber Embryos tarnen und täuschen nicht nur, sie sind auch hungrig, wollen den Müttern möglichst viel abzapfen. Deshalb dringen beim Einnisten in den Uterus Zellen aus der äußersten Schicht der Embryos in die Schleimhaut der Gebärmutter ein und bauen die Arterien so um, dass sie nicht mehr verengt werden können. Dadurch bekommen sie nicht nur direkten Zugang zum Blut der Mütter, sie werden auch Herren darüber, die Mütter können nicht mehr bestimmen, wie viel Blut bzw. Nahrung sie zur Verfügung stellen.

Und sie können nicht abwehren, was in Gegenrichtung kommt: Die Embryos – bei Menschen ab der elften Woche: Föten – manipulieren mit allerlei Botenstoffen, sie können etwa zu ihrer üppigeren Versorgung den Blutdruck der Mütter erhöhen, in gefährliche Grade – Präeklampsie –, David Haig (Harvard) hat es erhellt, er hat auch das restliche Schlachtfeld zwischen Mutter und Embryo durchschritten (Quarterly Review of Biology 68, S. 495).

Und dort ist eben noch ein Dritter unterwegs, der Vater: Er hat ganz andere Interessen als die Mutter, er will ein möglichst großes und kräftiges Kind. Die Mutter hingegen will sparen, sie braucht Kraft noch für künftige Kinder.

Geschlagen wird die Schlacht von väterlichen und mütterlichen Genen, die einander gegenseitig stillstellen. Man kennt Dutzende solcher sog. Imprinted Genes, die ersten wurden Anfang der 1990er-Jahre entdeckt, an ihnen hat sich auch das Prinzip gezeigt: Sie sind zuständig für einen Wachstumsfaktor (Igf2) bzw. seinen Rezeptor (Igf2r): Die Väter suchen die Oberhand bei Igf2, ihr Gen dafür ist hochaktiv, die Mütter halten mit einem kaum aktiven für Igf2r dagegen. Kommen beide ans Ziel, ist alles ausbalanciert: Es gibt zwar mehr Igf2, aber weniger Rezeptoren, der Überschuss verpufft.

Wann ist genug getragen? Dann wächst das Kind heran und wird der Mutter langsam zur Last, ihr Bauch legt bis zu 6,8 Kilo zu, das ist fast ein Drittel, es muss ausbalanciert werden, Schwangere tun dies durch Zurücklehnen, deshalb hat die Evolution bei ihnen die Lendenwirbel anders gebaut als bei Männern, Katherine Whitcome (Harvard) hat es – anno 2007! – bemerkt (Nature 450, S. 1075).

Darüber, wann genug getragen ist, gibt es den nächsten Streit, Föten blieben gern länger in der milden Höhle, Mütter würden sie gern eher los – wie das in den molekularen Details ausgetragen wird, ist wenig klar –, endlich wird geboren.

Höchst Wunderliches: „Mrs. Mck., eine 25-jährige Spenderin, gab ihr erstes Pint-Blut im März. Bei der Bestimmung der Blutgruppe zeigte sich eine Mischung aus A und 0“ . Dieses Mirakel meldete der National Blood Transfusion Service am 11. 7. 1953 im British Medical Journal.

Mirakel? Die Kombination der Blutgruppen A und 0 gibt es von Natur her nicht. Die Ärzte nannten das Phänomen Chimäre – nach den mythischen Mischwesen der Antike –, sie fanden auch die Spur: Die junge Frau hatte ihr halbes Blut bzw. die Gruppe 0 aus dem Mutterleib, von einem (zweieiigen) Zwillingsbruder.

Das war der erste Fund eines Menschen, der nicht nur die eigenen Gene im Leib trug, man hielt den Fall lang für exotisch. Inzwischen ist klar, dass er die Norm ist: Gene, gar ganze Zellen sind nicht nur im Uterus zwischen Mehrfachgeburten unterwegs, sondern auch über ihn hinaus zwischen Föten und Schwangeren: „Wir alle sind Chimären“, erklärt Amy Boddy (Arizona State University). Präziser: Wir sind Mikrochimären, haben Fremde im Inneren, Gene und Zellen (Bioessays 28. 10.).

Die gehen zunächst von Föten auf Schwangere, von denen können sie auf die nächsten Kinder kommen, auf die Enkel auch. Bemerkt hat man es an Herzattacken: Erleidet eine Schwangere eine, eilen Stammzellen der Föten zu Hilfe, sie brauchen eine lebende Mutter. Aber es gibt solche Zellen auch andernorts, in der Lunge, in den Brüsten, im Gehirn. Was sie in der Lunge tun, ist unklar, in Brüsten und Gehirn verfechten sie als „erweiterte Plazenta“ die Interessen des Fötus nach der Geburt: In den Brüsten lassen sie mehr Milch strömen – die Mütter halten dagegen, sie statten die Milch mit Benzodiazepinen aus, das sind sedierende Substanzen, sie sind auch in Valium –, und im Gehirn sorgen sie für mehr Oxytozin, das Hormon, das die Mutterliebe stärkt.

Diese Gene/Zellen bleiben, ein Leben lang, Leo Nelson hat es an Frauen bemerkt, die eines natürlichen Todes gestorben sind, die älteste mit 92 Jahren. Selbst da hatte sie ganz unmetaphorisch ihren Sohn im Gehirn (PLoS One e45592).

Was er dort und sonstwo auf Dauer angerichtet hat, ist wieder weniger klar: Man hatte den Verdacht, dass die Fremden das Alzheimer-Risiko steigern. Aber es ist umgekehrt, das Hirn profitiert, der restliche Körper hingegen leidet: Autoimmunkrankheiten betreffen häufiger Frauen.


[LHIJ3]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2015)

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