Tschechisch-österreichische Mythen auflösen

Geschichte. Die Ereignisse des 20. Jahrhunderts spalteten die einst in einem Land vereinten Tschechen und Österreicher. Historiker erarbeiten nun die gemeinsamen und trennenden Elemente der Geschichte beider Länder.

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(c) Clemens Fabry

Paare haben verschiedene Meinungen. In einer funktionierenden Beziehung diskutieren sie diese aus. Die verschiedenen Standpunkte dürfen – sofern sie gut argumentiert sind – gleichwertig nebeneinanderstehen: So erzielen sie echte Kompromisse, die Verbindungen stärken. Ähnlich verhält es sich mit Nachbarschaftsbeziehungen zweier Länder: Nur ebenbürtige Meinungen festigen diese.

Die Ständige Konferenz österreichischer und tschechischer Historiker zum gemeinsamen kulturellen Erbe (Sköth) initiierte daher ein von der Österreichischen und Tschechischen Akademie der Wissenschaften koordiniertes Projekt. Sie stellten Historikerpaare zusammen, die die Geschichte Österreichs und Tschechiens von beiden Seiten beleuchten sollen.

„Wobei es uns nicht darum geht, eine geglättete Geschichte zu liefern. Wir wollen in einem Buch unterschiedliche Argumente und Interpretationen zulassen“, sagt die Historikerin und Projektkoordinatorin Hildegard Schmoller. Brisante Knackpunkte der österreichisch-tschechischen Geschichte sollen darin angesprochen werden.

 

Abkommen war ein „Diktat“

Ein prominentes Beispiel ist etwa das Münchner Abkommen, bei dem sich im September 1938 Deutschland – inklusive des angeschlossenen Österreich – Frankreich, Großbritannien und Italien darauf einigten, dass die sudetendeutschen Gebiete an das nationalsozialistische Dritte Reich angeschlossen werden. Die Tschechoslowakei war zu den Verhandlungen nicht eingeladen worden. Die tschechische Geschichtsforschung spricht daher auch vom „Münchner Diktat“. In Österreich wird hingegen nicht verstanden, welche große Bedeutung dieses „Münchner Trauma“ für die tschechische Gesellschaft hatte und hat.

Die 20 Historiker, die am Projekt beteiligt sind, wollen nicht nur Brennpunkte auf der Zeittafel des vergangenen Jahrhunderts abarbeiten, sondern auch gängige Mythen dekonstruieren: Ein Mythos, der lang von beiden Seiten bedient wurde, ist der des desertierenden, kriegsscheuen tschechisch-böhmischen Soldaten in der Habsburgerarmee des Ersten Weltkriegs. „Das entspricht nicht der historischen Wirklichkeit. Diese Soldaten kämpften bis zum Schluss tapfer für die Monarchie“, sagt Schmoller.

Durch das ganze Jahrhundert ziehen sich „Trennungsgründe“: Etwa der Bau des Eisernen Vorhangs, der die politische Landkarte streng in Ost und West einteilte, der Bau des Kraftwerks Temelín, der einen Kernreaktor nah an die Grenze des reaktorfreien Österreich rückte, oder die Beneš-Dekrete, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Grundlage für die Zwangsaussiedlung von etwa drei Millionen Deutschen aus der Tschechoslowakei darstellten.

 

Gemeinsamkeiten oft vergessen

Dabei werden die Gemeinsamkeit oft vergessen: „In der Zwischenkriegszeit gab es etwa noch sehr viele verwandtschaftliche und freundschaftliche Grenzbeziehungen“, sagt Schmoller. Als die Sowjets 1968 Panzer nach Prag schickten, weil es zu einer Liberalisierungspolitik der tschechoslowakischen Kommunisten kam, bildete Österreich die Brücke in den Ostblock: Viele flohen nach Wien.

Die tschechisch-österreichischen Historiker sind für Anregungen offen, die jeder in einer laufenden Vortrags- und Diskussionsreihe der ÖAW einbringen kann.

AUF EINEN BLICK

Vortragstermine mit anschließender Diskussion:

• Stereotype und Narrative: Das Leben an der Grenze. Freitag, 30. Oktober, 19 Uhr, Lindenhof, Raabs/Th.

• Das schreckliche Jahrzehnt 1938–1948/Westernisierung-Sowjetisierung 1948–1968. Mittwoch, 11. November, 19 Uhr, Landhaus Linz.

• Reform, Krise und Umbrüche bis zur europäischen Integration 1970–2004. Dienstag, 17. November, 15.30 Uhr, Landesbibliothek St. Pölten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2015)

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