Wie das Leben im Meer die Erwärmung bremst

Der Anstieg des Treibhausgases CO2 in der Luft löst einen Anstieg seiner Aufnahme im Wasser aus.

Wunderwerke aus Kalk: Ihre Produzenten trotzen der Versauerung und vermehren sich stark.
Wunderwerke aus Kalk: Ihre Produzenten trotzen der Versauerung und vermehren sich stark.
Wunderwerke aus Kalk: Ihre Produzenten trotzen der Versauerung und vermehren sich stark. – (c) Amy Wyeth Bigelow

Wenn das Eis an den Polen schmilzt, durch die Erwärmung, dann bringt das automatisch weitere Erwärmung, das liegt an der Albedo, dem Maß dafür, wie viel Sonnenlicht reflektiert wird: Helles Eis reflektiert mehr als dunkles Wasser. Es gibt beim Klimawandel aber auch negative Feedbacks, einen hat David Barnes bei der Antarktis bemerkt: Das Meereis um sie herum ist seit 1979 leicht gewachsen – ja: gewachsen –, vor allem über sehr tiefem Wasser. In flacheren Bereichen ist Eis verschwunden, dort gedeiht nun etwas auf dem Meeresboden: Moostierchen. Die sind winzig, bilden aber riesige und langlebige Kolonien.

Und sie holen CO2 aus der Luft, in Mengen, die sich in den vergangenen 20 Jahre verdoppelt haben, auf 2 x 105 Tonnen Kohlenstoff im Jahr. Rechnet man das auf alles Leben im Flachwasser hoch, kommt man auf 2,9 x 106, das entspricht der CO2-Aufnahme von 50.000 Hektar Regenwald. Wäre das auch in der Arktis so – dort hat niemand nachgeschaut –, dann wäre laut Barnes in den Polgewässern „das größte negative Feedback des Klimawandels“ am Werk (Current Biology 25, R789).

Ausgerechnet Kalzifizierer blühen auf

Das wurde im September publiziert, aber nun haben sich noch viel größere Gegeneffekte gezeigt, und das dort, wo man es am wenigsten vermutet hätte: bei Mitgliedern des Phytoplanktons, die sich in Kalkschalen hüllen: Coccolithophoriden. Ihre Zahlen bzw. die allen Phytoplanktons werden im Nordatlantik seit den 1930er-Jahren erhoben, und was da aus dem Wasser gezogen wurde, hat Sara Rivero-Calle (Johns Hopkins, Baltimore) für die Jahre 1965 bis 2010 ausgewertet: In dieser Zeit erhöhte sich der Anteil der Coccolithophoriden am Phytoplankton von zwei Prozent auf 20, und die nehmen den Kohlenstoff, den sie in ihre Schalen einbauen, nach ihrem Tod mit in die Tiefe (Science 26. 11.).

Das hat man bisher nicht bemerkt, weil man davon ausging, dass mit den beiden Wirkungen des CO2 – Erwärmung und Versauerung – das Leben für Kalzifizierer schwerer wird, weil sie schwerer zu ihrem Baustoff kommen, Kalziumkarbonat. Aber Coccolithophoriden kommen leichter daran, es liegt vermutlich an der Wärme. Und nicht nur der Atlantik birgt Überraschungen: Im Pazifik hat Kelton McMahon ein noch viel umfassenderes Archiv ausgewertet, das von Korallen, in ihm zeigen sich auch die jeweiligen Planktongemeinschaften: Die haben sich über die vergangenen tausend Jahre zweimal verändert, das zweite Mal, vor 200 Jahren, so, dass die Aufnahme von CO2 erhöht wurde: „Dieser Wandel mag ein negatives Feedback zum erhöhten CO2 in der Atmosphäre bringen“, schließt McMahon, auch in Science.


[LP00U]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.11.2015)

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