Gerechte Rückgabe von NS-Raubgut

Provenienzforschung.Institutionen in Österreich durchsuchen ihr Inventar nach NS-Raubgut. Sie finden Bücher, Autos, Briefe oder Durchlauferhitzer: Die späte Restitution ist nicht peinlich.

THEMENBILD - SIGMUND FREUD
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(c) APA (ROLAND SCHLAGER)

Die Enkelinnen von Medizin-Nobelpreisträger Otto Loewi können mit den kürzlich erhaltenen Büchern ihres Großvaters eigentlich wenig anfangen: Die Amerikanerinnen sprechen zu schlecht Deutsch, um den Inhalt zu verstehen. Doch die 21 Fachbücher ihres von 1909 bis 1938 an der Uni Graz tätigen Großvaters schließen eine Lücke in ihrer Vergangenheit. Sie sind die einzigen Erinnerungsstücke an ihn. Loewi musste nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten das Land abrupt verlassen. Er hinterließ sein Büro, ohne es vorher zu leeren: Seine Bücher wurden der Universitätsbibliothek einverleibt.

Güter aller Art kamen auf ähnliche Weise zu Tausenden in den Besitz von Universitäten und Institutionen in Österreich. Diese durchforsten in ganz Österreich ihre Inventare, einfach weil „es ein Unrecht war und ist. Es war Raub. Es war Diebstahl“, sagt Markus Lenhart, Provenienzforscher der Universitätsbibliothek Graz.

 

Die schwere Suche nach Erben

Das Technische Museum Wien (TMW), wo zurzeit die Ausstellung „Inventarnummer 1938“ läuft, durchsucht seit 2005 systematisch alle Erwerbungen zwischen 1933 und 1945. Bisher wurden 80.000 Objekte untersucht. Man fand 100 Raubgüter, darunter Radios, Bücher, Briefe, Autos, Schallplatten, Musikinstrumente oder Durchlauferhitzer zur Warmwasseraufbereitung. Bisher konnte in acht Fällen Restitution geleistet werden.

Das klingt nach wenig, aber „kulturpolitisch ist das eine immens wichtige Geste, um zu zeigen, dass die Republik keinerlei Raubgut besitzen möchte“, sagt der Abteilungsleiter für Provenienzforschung des TMW, Christian Klösch. Das Museum prüft daher auch bei Ankäufen die Vorgeschichte jedes Objektes. Auch scheinbar wertlose Alltagsgegenstände zurückzugeben sei nicht peinlich: „Wenn es den Nazis nicht peinlich war, diese zu klauen, kann es uns nicht peinlich sein, sie zu restituieren“, sagt Klösch.

Da die Nationalsozialisten Kulturgüter von Österreich ins „Reich“ transferierten, finden Forscher auch dort geraubtes Gut, etwa in der Stadtbibliothek Nürnberg. Dort finden sich Schriften in 25 Sprachen von 2200 Vorbesitzern aus 500 Herkunftsorten, wobei Österreich hier einen Schwerpunkt bildet (siehe: www.genteam.at).

Auch ein kleines Konvolut von Büchern der Familie Sigmund Freuds lässt sich in Nürnberg finden. Bei der in der „Presse“ erstmals abgedruckten Skizze (siehe Bild links) handelt es sich um ein Porträt, gezeichnet vom jungen Sigmund Freud in einem Französisch-Deutsch-Wörterbuch. Die Forscher in Nürnberg suchen noch nach anspruchsberechtigten Erben.

Die Universitätsbibliothek Wien ist die einzige Einrichtung Österreichs, in der stetig Provenienzforschung betrieben wird. Forscher arbeiten hier nicht auf Projektbasis. Markus Stumpf, der Leiter des Arbeitsbereiches, konnte bisher 120 Fälle behandeln und in 18 davon an Vorbesitzer oder deren Erben restituieren. Was ihn aber verärgert, ist, dass seit der Autonomie der Unis diese keinen Zugang mehr zu dem Kunstrückgaberecht des Bundes und somit zum Nationalfonds haben: „Der historische Staat hat sich mit der Autonomie aus seiner Verantwortung herausgenommen und die jeweiligen Einrichtungen alleingelassen“, sagt er.

Alle Interviewpartner sind sich über die Wichtigkeit ihrer Forschung einig. Klösch bringt es auf den Punkt: „Unrecht kann man nicht wiedergutmachen, aber Gestohlenes restituieren.“

IN ZAHLEN

80.000Objekte hat das Technische Museum in Wien bereits auf ihre Herkunft überprüft. Bei 100 wurde ein bedenklicher Erwerb festgestellt. In acht Fällen wurde restituiert, in weiteren acht Fällen sucht man noch die Erben.

120 Bücher der Universitätsbibliothek Graz konnten elf Vorbesitzern zurückgegeben werden, davon hinterließen vier 63 Bände der Bibliothek als Geschenk. Die Forschung ist noch nicht abgeschlossen. Die Zahlen werden nach oben korrigiert werden müssen.

120Fälle sind der Universitätsbibliothek Wien bekannt – Stand 23. 11. 2015. In 18 Fällen konnte die Bibliothek restituieren. Zudem will die Bibliothek auch Sondersammlungen, etwa in der Ägyptologie, auf Raubgut durchsuchen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.11.2015)

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