Die Suche nach dem idealen Teilchen

Medizin. Partikeltherapie gilt als neue Wunderwaffe gegen den Krebs. Aber: „Heilung kann man nicht versprechen“, sagt der neue medizinische Geschäftsführer des Medaustron, Eugen B. Hug.

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Die Presse:In Wiener Neustadt entsteht mit dem Medaustron der erste Teilchenbeschleuniger Österreichs. Der erste Patient soll im zweiten Quartal 2016 behandelt werden. Bleibt es dabei?

Eugen B. Hug:Medaustron stellt zu einem guten Teil einen Prototyp dar, vieles wurde selbst entwickelt. Daher muss man vorsichtig sein, wann man den ersten Patienten behandelt. Ich gehe davon aus, dass wir im Jahr 2016 behandeln. Als medizinischer Leiter nehme ich aber lieber eine Verzögerung in Kauf, als einen zeitlichen Rahmen zu erzwingen. Wir können erst dann Patienten behandeln, wenn wir die hohe Qualität zuverlässig erbringen können, die von uns zu Recht verlangt wird.

 

Alle Unterlagen sind eingereicht. Bremst nun die Bürokratie?

Für mich ist die Analogie die: Sie können ein neues F1-Auto bauen. Und dann sagt Ihnen jeder Mechaniker, dass er seinen Bereich hinbekommen hat: Der Motorblock stimmt, das Chassis stimmt, die Auspuffanlage stimmt usw. Und trotzdem weiß man erst vor dem ersten Rennen, wenn man alle Teile zusammengebaut hat, und jemand Testrunden fährt, ob das Auto so funktioniert wie es soll. Wir sind nun mit dem Medaustron vor den Testrunden, dabei können sich auch noch Verzögerungen ergeben. Manches zeigt sich erst im Zusammenwirken aller Teile.

 

Wie kann Teilchenphysik Leben retten? Was passiert technisch, was im Körper?

Bei konventionellen Strahlentherapien gehen die Röntgenstrahlen durch den Körper. Bei der Partikeltherapie nutzen wir schwere Teilchen: entweder Kohlenstoffionen oder Protonen. Diese lassen sich im Synchotron (Anm.: Teilchenbeschleuniger) auf etwa zwei Drittel der Lichtgeschwindigkeit beschleunigen und genau bündeln. Man kann so einen ganz präzisen, punktförmigen Strahl formen und genau bestimmen, wo und wie weit er ins Gewebe hineingeht. Wir können damit genau auf den Tumor zielen, erst dort wird dann alle Energie abgegeben.

 

Was bedeutet das für die Behandlung der Patienten?

Dass wir eine sehr präzise Therapie haben, mit der wir auch Tumore, die normalerweise als strahlenresistent gelten, behandeln. Die Heilungschancen steigen.

 

Man kann also auch Tumore bekämpfen, die bisher nicht behandelbar waren?

Einerseits gibt es strahlenresistente Tumore, die bereits jetzt behandelt werden, bei denen aber die Erfolgschance nicht sehr hoch ist. Dort können wir die Erfolgschance deutlich verbessern. Und andererseits gibt es Patienten, die schon eine konventionelle Strahlentherapie hatten, bei denen aber der Tumor wiedergekommen ist. Diese Patienten kommen oft für eine zweite konventionelle Strahlentherapie nicht mehr infrage. Dort kann dann die Partikeltherapie noch eine Chance bieten.

 

Weckt man hier nicht sehr hohe Erwartungshaltungen?

Es ist mir ganz wichtig, Patienten nicht Hoffnung auf die nächste Wunderwaffe gegen Krebs zu machen. Die Partikeltherapie stellt zweifellos einen wichtigen Schritt dar. Wir denken, dass wir die Komplikationen senken können. Aber völlig komplikationslose Medizin gibt es nicht. Und wir gehen davon aus, dass sich die Heilungschancen erhöhen lassen. Aber das Versprechen auf Heilung gibt es nicht.

 

Für welche Krebsarten eignet sich die Therapie besonders?

Es geht nicht um generelle Krankheitsbilder, sondern um Untergruppen von Patienten. Partikeltherapie eignet sich vor allem für Krebsgeschwüre, die gegen traditionelle Strahlen resistent sind. Und dann auch für Tumore, die in einer schwierig zu behandelnden anatomischen Lage sind. Wenn etwa ein Tumor im Gehirn direkt neben dem optischen Nerv sitzt, braucht es sehr hohe Präzision, um die Dosis dort hinzubekommen, ohne dass sie den Sehnerv schädigt.

 

Wie gelingt es, so genau auf den Tumor zu zielen?

Schwere Teilchen sind positiv geladen. Ihre Laufbahn lässt sich über Magneten gut bestimmen. Das ist kompliziert, aber schon gelöst.

Und dann ist da noch die Frage der Eindringtiefe...

Hier zählt die Ausgangsenergie: Ein Proton mit geringerer Ausgangsenergie dringt weniger tief ein und umgekehrt dringt ein Teilchen mit höherer Energie weiter ein. Auch das hat man in der Medizinphysik bereits jetzt sehr gut im Griff.

 

Eignet sich die Therapie auch für Kinder?

Die Behandlung von Kindertumoren ist mein Spezialgebiet. Dadurch, dass wir den Körper insgesamt mit weniger Strahlung belasten, profitieren Kinder und junge Erwachsene besonders. Im Idealfall können sie ein normales Leben ohne schwere Nebenwirkungen führen. Bislang musste Österreich diese Kinder ins Ausland schicken, nun werden wir die Therapie hier anbieten können.

Wie viele Patienten sollen im Vollbetrieb behandelt werden?

Zwischen 1000 und 1200 Patienten. Das ist realistisch machbar.

 

Melden sich schon Interessierte?

Ja, wir prüfen die Anfragen und leiten sie derzeit an andere Zentren in Europa weiter.

 

Und wie hoch sind die Risken?

Jede Strahlentherapie, und das trifft auch auf die Ionentherapie zu, hat das Risiko, dass sie später Krebs erzeugt. Erste Langzeitzahlen zeigen, dass dieses Risiko mit der Ionentherapie aber deutlich geringer ist. Wir wollen – gemeinsam mit den Kollegen in der konventionellen Radioonkologie in Österreich – in klinischen Studien herausfinden, für welche Patienten die Therapie besonders geeignet ist. Wir können immer nur einen begrenzten Teil der Patienten behandeln und da müssen wir herausfinden, welche den meisten Nutzen haben.

 

Wird die Krankenkasse die Behandlung zahlen?

Da stehen wir am Beginn der Verhandlungen. Kurz- und mittelfristig ist die Partikeltherapie wohl teurer als eine konventionelle Strahlentherapie. Aber man muss auch die langfristigen Ersparnisse ins Kalkül ziehen, die sie bringen kann. Der Patient wird ambulant behandelt und muss nicht ins Spital. Lebt er später ohne oder mit nur wenigen Komplikationen, ist das für das Gesundheitssystem sogar ungleich billiger.

 

Sie selbst sind international tätig, lehren in China und den USA. Was zieht Sie nun vom Protonen-Therapiezentrum in New York nach Niederösterreich?

Einerseits zieht es mich langfristig einfach nach Europa zurück. Ich bin in München geboren und aufgewachsen, habe dort studiert. Mir ist aber auch Wien sehr gut bekannt. Ich war als Medizinstudent immer wieder hier, weil ich gleichzeitig auch Musik studiert habe. Andererseits ist das Medaustron eines der neuesten und modernsten Zentren der Ionentherapie. Davon gibt es nur sehr wenige.

 

Wie viele?

Zwei in Deutschland und eines in Italien, also derzeit drei Zentren in Europa. Kohlenstoffzentren gibt es im Augenblick überhaupt nur in Europa und in Asien, die USA haben keines. Nicht nur mit Protonentherapie, sondern auch mit Kohlenstoff zu arbeiten, an einem der modernsten Zentren, lockt.

 

Was geht mit Kohlenstoff, was mit Protonen nicht möglich ist?

Protonen haben eine ähnliche Wirksamkeit wie konventionelle Röntgenstrahlen, lassen sich aber physikalisch besser lenken. Bei Kohlenstoffionen gehen wir zusätzlich von einer größeren biologischen Wirksamkeit aus. Es geht darum, das ideale Teilchen zu finden, sowohl aus Sicht der Physik als auch der Biologie. In der klinische Routine wird bislang nur ein kleiner Teil der Patienten so behandelt. Hier besteht noch Aufholbedarf, hier müssen wir noch viel lernen.

ZUR PERSON

Eugen B. Hug (56) wurde in München geboren, wo er auch Medizin studierte. Bereits im Studium wie auch nach dem Abschluss prägten die USA seinen Karriereweg: So war er u. a. am Massachusetts General Hospital, Boston, und am Harvard Cyclotron Laboratory, Cambridge, tätig. Von 2007 bis 2012 war er Chef derProtonen-Radiotherapie an der Uni Zürich. Mit Jahresbeginn übernimmt der derzeitige Direktor der ProCure-Protonentherapiezentren in den USA die medizinische Leitung des Ionentherapie- und Forschungszentrums Medaustron in Wiener Neustadt.

Am Medaustron wird seit 2011 gebaut, 2016 soll es in Betrieb gehen. Bisher wurden 200 Millionen Euro investiert. Im Vollausbau sollen am Medaustron 180 Mitarbeiter tätig sein. Es ist eines der wenigen Zentren weltweit, an denen Krebs nicht nur mit Protonen, sondern auch mit Kohlenstoffionen präzise behandelt werden kann. An klinischen Studien können sich Radioonkologenaus Österreich und darüber hinaus beteiligen, so Hug. Der Fokus der Forschung liegt zudem auf der Strahlentherapie sowie der Weiterentwicklung bildgebender Verfahren während der Therapie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2015)

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