"Darum geht zu allen Völkern..."

Das Christentum ist ein wichtiger Grund dafür, dass Europas Staaten auf Basis einer nationalen Identität entstanden sind, meint der Historiker Walter Pohl.

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Die römischen Kaiser der Spätantike konnten aus Spanien kommen, aus Anatolien, aus dem heutigen Kroatien – die Herkunft spielte keine Rolle, „Römer“ war kein Begriff, der auf einen gemeinsamen Ursprung abhob. Ganz anders die Situation in den Königreichen, die sich im 5. und 6. Jahrhundert auf dem Gebiet des Weströmischen Reiches bildeten.

„Auch in den Reichen der Franken oder der Goten waren nicht alle Einwohner fränkisch oder gotisch, sehr wohl aber die Herrschenden“, sagt Walter Pohl, Wittgenstein-Preisträger und Direktor des Instituts für Mittelalterforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). „Das politische System baute auf einer ethnischen Identität auf.“ Pohl organisierte die viertägige, hochkarätig besetzte Konferenz „Visions of Community“, die gestern in Wien zu Ende ging und unterschiedliche Entwicklungen nach Ende des Weströmischen Reichs verglich.


Konsens der Beherrschten. Während im Westen Reiche auf ethnischer Grundlage entstanden (aus denen sich bald Länder wie Frankreich, England, Ungarn oder Schweden entwickelten) und in Byzanz das politische System Roms fortgeführt wurde, entstand im islamischen Raum mit dem Kalifat ein Gebilde, das vor allem auf einer religiösen Identität aufbaute.

„Politische Herrschaft funktioniert nur mit dem Konsens der Beherrschten und der aktiven Loyalität der Führungsgruppen“, erklärt Pohl. „Das entsteht aber nicht naturwüchsig. Wenn es immer nur nach den materiellen Interessen gegangen wäre, hätte es in der Geschichte viel mehr Konflikte gegeben.“ Es braucht also „Visions of Community“, ein Zusammengehörigkeitsgefühl. „Es hat sich gezeigt, dass sich ethnische Identitäten dafür sehr gut eignen, sie bieten sehr starke Erzählungen.“ Viele westeuropäische Königreiche (Vandalen, Burgunder usw.) sind bald wieder verschwunden, aber das Modell ethnischer Identitäten blieb erhalten. „Das war die Basis für die modernen Nationalstaaten der Neuzeit“, so Pohl.

Und er kann sich den Nachsatz nicht verkneifen: „Ich würde mir wünschen, dass Forscher, die über die Entwicklung der Nationen schreiben, nicht im 18. oder 16. Jahrhundert beginnen, sondern auch die Vorgeschichte berücksichtigen.“

In den meisten Hochkulturen spielte ethnische Identität keine Rolle. Wie kam es also zu diesem europäischen Sonderweg? Pohl: „Meine These ist, dass das in etwas paradoxer Weise mit dem Christentum zu tun hat. Die Bibel beschreibt eine Welt von Völkern. Es sind die Völker, die eine heilsgeschichtliche Rolle spielen, man kann die Völker quasi von Gott ableiten.“ Ein Beispiel sei der Matthäus-Vers (28,19): „Darum geht zu allen Völkern (...) und lehrt sie (...)“. Dieser Umstand habe zu wenig Beachtung gefunden, weil das Christentum – zu Recht – als universelle Religion gesehen wird. „Das Interessante ist aber, in welcher Weise die allgemeine, übergreifende Ebene der religiösen Identität und die spezifische Ebene der ethnischen Identität zusammengespielt haben. Es gab eine grundsätzliche Mehrpoligkeit, nicht eine einzige Hierarchie, sondern ein zweistufiges System: Die Kirche mit dem letztendlich grenzenlosen Anspruch, aber darunter noch eine von ihr legitimierte Ebene. Es gab mehrere Loyalitäten nebeneinander.“


Herrscher über die Gläubigen. Anders im Islam. Auch hier spielten sowohl religiöse als auch ethnische Identitäten eine Rolle, aber die Balance war anders. „Die politische Herrschaft war stärker auf der übergeordneten Ebene konzentriert. Der Kalif hatte den Anspruch, über alle Gläubigen zu herrschen.“

Das islamische Modell war zunächst wesentlich erfolgreicher als das westeuropäische, was die Expansionskraft und wahrscheinlich auch das kulturelle Potenzial betrifft, so Pohl. Diese Dynamik ist allerdings wieder zum Stillstand gekommen – abgesehen von einer zeitweiligen Wiederbelebung in der osmanischen Zeit. Das europäische Modell hat sich letztendlich weltweit durchgesetzt. „Allerdings machen einen die Erfahrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sofern sie auch auf den Nationalismus zurückgehen, skeptisch, ob man dieses Modell weltweit zur Übernahme anpreisen soll“, so der Historiker.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2009)

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