Das „Grabeland“ als jüdischer Lebensmittelpunkt

Shoah.Wien beherbergte bis zum Zweiten Weltkrieg eine der größten jüdischen Gemeinden Europas. Dann verschwand sie aus dem Stadtbild – nicht abrupt, sondern schleichend. Orte der Erinnerung bleiben bis dato.

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(c) Clemens Fabry

Juden mussten ab September 1941 im Deutschen Reich einen gelben Davidstern an ihrer Kleidung tragen. Ein beinah harmlos anmutendes Erkennungsmerkmal, angenäht an Jacken oder Mäntel: ein Emblem mit fataler Wirkung. Markiert diese Zwangskennzeichnung doch den letzten behördlichen Schritt, bevor die physische Massenvernichtung vollends einsetzte, bevor die Öfen von Auschwitz ununterbrochen brannten.

„Der Stern war die endgültige Stigmatisierung. Zuvor gab es noch Orte, wo man unerkannt blieb, wo man sich zurückziehen konnte. Das war nun vorbei“, sagt Dieter Hecht, Historiker und Forscher an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). In dem von Mandelbaum verlegten Buch „Topographie der Shoah“ spürte er gemeinsam mit zwei Kolleginnen Orte in Wien auf, wo Juden per Zwang arbeiteten, lebten, verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Den Autoren ging es darum, „kontaminierte Orte“ wieder sichtbar zu machen. Sie lieferten ein kartografisches Werk, das über öffentliche Gedenkorte hinausgeht, das Sammellager, von wo aus Juden in Konzentrationslager abtransportiert wurden, genauso beschreibt wie private enteignete Wohnungen.

Die Forscher verwendeten eine Vielzahl von Quellen: nationalsozialistische Erlässe und Verbote, Briefe und Tagebücher betroffener Juden und Interviews mit Überlebenden. Die vielen autobiografischen Quellen sind sich einig: Der Judenstern markierte eine Wende.

 

Das Ghetto: Der zweite Bezirk

Die Bewegungsfreiheit in der Stadt war schon vor dem Judenstern auf der Brust eingeschränkt: Die Juden Wiens waren bereits vornehmlich im zweiten Wiener Bezirk zusammengepfercht worden. Mehrere Familien bewohnten dort Einzelwohnungen: Babys, Junge, Alte und Gebrechliche auf wenigen Quadratmetern. In der Öffentlichkeit – in Parks, Cafés, Theatern, Museen, Bussen oder Plätzen – war ihr Beisein ohnedies unerwünscht. Die sichtbare Markierung machte ihr Auftreten nun unmöglich.

Es verblieb ein Rückzugsort in Wien: ein kleines Stück Land, auf dem noch Treffen möglich waren, wo noch geplaudert, getratscht und (sofern das noch möglich war) gelacht werden durfte. Es war jener Ort, an dem auch beerdigt wurde: der Zentralfriedhof. Im schaurigen Bewusstsein über das symbolträchtige Stück Land, auf dem sich die Juden trafen, „wurde der Friedhof, auf dem man seine Freizeit verbrachte, von den Betroffenen selbst als ,Grabeland‘ bezeichnet“, sagt Hecht. Am erst zwei Jahrzehnte zuvor angelegten Tor 4 gab es noch riesige freie, grüne Flächen.

 

Gemüseanbau auf dem Friedhof

Der von den Nationalsozialisten eingesetzte Ältestenrat – eine Kultusgemeinde gab es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr – durfte dort zudem Gemüse und Kartoffeln anbauen. Die zusätzliche Nahrung wurde dringend benötigt: Somit konnten die spärlichen Rationen im jüdischen Kinder- und Altersheim, die beide, wie beinah alle jüdischen Institutionen, in den zweiten Bezirk verlegt worden waren, etwas aufgebessert werden.

Die verbliebenen Juden Wiens wussten auch um das Schicksal ihrer Freunde im KZ Theresienstadt. Daher schickten sie Lebensmittel, die sie auf dem Zentralfriedhof ernteten, an die dortigen Gefangenen. Angesichts ihrer eigenen prekären Lage war das ein schierer Akt der Nächstenliebe. Manche Wiener Juden entgingen zunächst noch dem Abtransport in ein Konzentrationslager, nicht jedoch der Zwangsarbeit in Wien: So mussten sie etwa auf der „Mistgstettn“, einem Müllplatz, wo sich heute die Donauinsel befindet, Müll trennen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2016)

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