Uraltes Gold birgt neues Wissen

Archäologie. Moderne Goldschürfer entdeckten im Südosten Bulgariens urzeitliche Goldminen. Das überraschte, denn die Abbautechnik hatte man bislang den Römern zugeschrieben.

NATIONALBANK BRINGT 15 TONNEN GOLD VOM AUSLAND NACH WIEN
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(c) APA/G�NTER GRANITZER

Wir befinden uns circa im Jahr 200 vor Christus. Die Römer beginnen, mit der Feuersetzmethode Stein zu bersten, damit Goldadern in Bergwerken besser sichtbar werden und leichter geborgen werden können. Die Römer? Falsch. Eine erfinderische Gesellschaft in Ada Tepe, im heutigen Südosten Bulgariens, baute bereits 1300 Jahre zuvor Gold im großen Stil und mit demselben technischen Know-how ab.

Bisher kannten Archäologen nur römische Bergwerke: „Dass sie aber in einer langen Tradition von Bergwerkskönnen stehen, ist völlig neu und hat sämtliche Goldspezialisten völlig überrascht“, sagt Barbara Horejs, Professorin am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). In dem vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) finanzierten Projekt „Das Gold des Balkans“ untersucht ihr Team die nun älteste bekannte prähistorische Goldmine Europas auf dem Vulkan Ada Tepe in dem bulgarischen Rhodopengebirge.

Wie alt die Mine genau ist, ist Teil der Forschungsarbeit. Bisher wissen die Forscher, dass der Abbau rund 1500 v. Chr. begonnen hat und durch die gesamte späte Bronzezeit bis ungefähr 1000 v. Chr. hindurch betrieben wurde.

 

Die neue, alte Goldsuche

Der Fund selbst war ein Zufall: Die kanadische Firma Dundee Precious Metal baut seit 2011 in Bulgarien Gold ab, zugleich hat die bulgarische Akademie der Wissenschaften die uralte Mine samt erhaltener Handwerkssiedlungen, Häusern und Werkzeug entdeckt. Sie begann umgehend mit Rettungsgrabungen: „Ohne die immense Bedeutung des Goldes als Ressource bis zum heutigen Tag hätten wir jetzt den neuen Einblick in die Bronzezeit nicht“, sagt Horejs.

Die Bergleute der Rhodopen bauten das Gold nicht zum Eigenbedarf ab. Sie handelten damit. Geografisch und kulturell war der südöstliche Balkan in der Spätbronzezeit in unmittelbarer Nähe zu den sogenannten Hochkulturen in der Ägäis und in Anatolien. Troja lag quasi einen Steinwurf entfernt. Griechenland, wo zu dieser Zeit die mykenische Kultur erblühte, war der direkte Nachbar. In Mykene bestand eine Palastkultur – inklusive berühmter Goldgräber und Goldschätze. Bisher ist nicht bekannt, woher das viele Gold zur Ausstattung der Paläste und für Statussymbole, etwa Masken, Schilde, Dolche und Helme, gekommen ist. Die Vermutung liegt nun nahe, dass der südöstliche Balkan als ein Goldlieferant gedient hat. Der Abbau begann jedenfalls zeitgleich mit dem Palastbau im Süden. Auch andere Handelsrouten sind denkbar: „Wir reden hier nicht von ein paar Goldkernen, sondern von einem intensiven, jahrhundertelangen Abbau“, betont Horejs.

 

Einordnung der Goldschätze

Doch die Funde müssen nun noch genau ausgewertet werden. Erst dann können die Forscher verarbeitete Goldstücke aus anderen Regionen Europas den Minen um Ada Tepe zuordnen. Ein schwieriges Unterfangen: Dazu müssen von den Archäologen ausgewählte Goldartefakte geochemisch ausgewertet werden. Das übernehmen führende Goldspezialisten der Universitäten Heidelberg und Mannheim, denn „es ist nicht einfach, aus fertigen Schmuckstücken auf die Mine zu schließen, aus der das Gold stammt“, sagt Horjes. Bei den Objekten handelt es sich etwa um die berühmten Goldschätze der Thraker – ein indogermanisches Volk der Antike, das auch auf dem Boden des heutigen Bulgarien beheimatet war – und eben um Schätze der mykenischen Zeit.

Zusätzlich definieren Geologen im Projekt die Goldvorkommen in den Rhodopen, damit die Laboruntersuchungen präzisiert werden können. Das Team besteht folglich aus Goldspezialisten, Geochemikern, Archäologen und Geologen, damit die antiken Handelswege wieder sichtbar werden.

 

Schnittstelle auf dem Balkan

Die Häuserreste ganzer Siedlungsareale müssen die Wiener und bulgarischen Archäologen ebenfalls weiter auswerten. Noch wissen die Forscher nicht, wie die Handwerksgesellschaft gestaltet war, wie sie sich strukturiert hat und wo die sozialen Unterschiede gelegen sind. Sicher ist nur, dass sie keine Palastkultur entwickelt haben und daher nicht so stark hierarchisch differenziert wie ihre südlichen Nachbarn waren. Andererseits war die Kultur womöglich ein wenig elitärer als etwa die Völker nördlich der Donau oder im Karpatenbecken. „Wir bewegen uns hier vielleicht am Schnittpunkt verschiedener Kulturhorizonte“, sagt Horejs.

Die potenziellen Exportrouten des Goldes sind in alle Himmelsrichtungen möglich. Wer genau die Abnehmer waren, wird gerade erforscht. Egal mit wem die Gesellschaft in den Rhodopen handelte, sie musste mit anderen Kulturen kommunizieren: Das wiederum wirkte sich auf die Ressourcen, die Gesellschaft, den Handel, die Ökonomie, den Alltag – kurz: auf die antike Welt Europas – aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2016)

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