Russlands blau-schwarzer Goldrausch

Die Rohstoffe Russlands liegen in der Arktis. Um die Erdöl- und Gasfelder abzubauen, bedarf es vieler Schichtarbeiter, die von allen Teilen des Landes aus dorthin pendeln.

Auch Russlands Nomaden arbeiten in der Ölindustrie. Sie inspizieren etwa die Ölpipelines entlang alter Rentierrouten.
Auch Russlands Nomaden arbeiten in der Ölindustrie. Sie inspizieren etwa die Ölpipelines entlang alter Rentierrouten.
Auch Russlands Nomaden arbeiten in der Ölindustrie. Sie inspizieren etwa die Ölpipelines entlang alter Rentierrouten. – (c) APA/AFP/GREG BAKER

Tatyana Michaylowna wohnt in einer Kleinstadt in der Ukraine. Sie arbeitet als Reinigungskraft in Novy Urengoy, der „Hauptstadt des russischen Erdgases“, im autonomen Kreis Jamal-Nenzen unweit vom nördlichen Polarkreis. Hier befindet sich eines der wichtigsten Zentren der russischen Erdgasfördergebiete, wo unter anderem der Großkonzern Gazprom den Rohstoff abbaut. Auch die OMV denkt hier über einen Einstieg nach. Die etwas mehr als 115.000 Einwohner zählende Stadt ist an das Auto- und Eisenbahnnetz angebunden.

Im Zug trifft auch die Wiener Anthropologin Gertrude Saxinger auf Tatyana. Sie war Teil eines internationalen Forscherteams und mit dem vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Projekt „Leben auf Achse“ mit Menschen unterwegs, die tausende Kilometer zu ihren Arbeitsplätzen pendeln. Der Schichtbetrieb dort wird in Tagen, und nicht in Stunden, abgewickelt: Die Fernpendler arbeiten zwei bis vier Wochen in täglichen Zwölf-Stunden-Schichten durch, und danach haben sie wieder zwei bis vier Wochen frei. Dazwischen pendeln sie.

 

Tagelange Anreise für den Job

Tatyana sitzt insgesamt fünf Tage im Zug: von ihrer Heimatstadt in der Westukraine nach Moskau und von dort nach Novy Urengoy. Für viele sind solche Städte nahe am Polarkreis aber nur weitere Umschlagplätze. Von hier aus bringen Unternehmerbusse sie in Camps, die direkt an den Erdöl- oder Gasfeldern liegen.

Die Menschen nehmen die Strapazen in Kauf, weil die Arbeiten in arktischen und subarktischen Gebieten gut bezahlt sind. Ob Ingenieure, Facharbeiter oder Servicepersonal: Sie verdienen das drei- bis zehnfache Gehalt von dem, was sie in ihren Heimatorten bekommen würden. Tatyana verdient etwa 800 Euro im Monat. Viele Pensionen liegen bei etwa 80 Euro. Das macht ein Leben auf Achse attraktiv: „Dennoch gehört eine gewisse Reise- und Abenteuerlust dazu, sowie ein starkes Vertrauen in den eigenen Partner und die Familie“, sagt Saxinger.

 

Das erträgliche Leben in Camps

Der Lebensrhythmus ist nicht einfach: Weihnachten, Ostern oder Geburtstage von Kindern können oft nicht gemeinsam gefeiert werden. Doch die großen Gewinne locken. Daher verfallen nicht nur Glücksritter dem blauen (Gas) und schwarzen (Öl) Goldrausch. Die Unternehmen versuchen, das Leben im Norden so angenehm wie möglich zu gestalten: In den Industriestädten gibt es Kinos, Theater, Cafés, Turnsäle, Wintergärten und Bibliotheken: „In einer habe ich sogar Literatur von Elfriede Jelinek gefunden“, sagt Saxinger. Das Internet ist wohl die größte Bereicherung der vergangenen Jahre: Das ermöglicht die tägliche Kommunikation mit daheim.

Monteure entlang des Pipeline- und Anlagenbaus sind mobil. Sie leben in Wohnwägen oder Containern. Die Bedingungen hier sind schwieriger: Die Waschmöglichkeiten sind im Freien, die Kantinen klein und die Arbeiten müssen auch in arktischen Schneestürmen erledigt werden. Aber ein Fernseher, das Internet und eine Sauna fehlen nicht. Zudem können Paare gemeinsam in den gleichen Schichten arbeiten – etwas, was in den kanadischen polaren Abbaugebieten nicht üblich ist.

 

Pipelines versus Rentierzucht

Pipelines müssen inspiziert werden. Das erledigt vielfach die indigene Bevölkerung. Immer mehr von ihnen arbeiten für die Ölindustrie. Die nomadisch lebenden Einheimischen, die seit Jahrhunderten im Polargebiet Rentiere züchten, kennen die Gegend. Manche von ihnen ziehen nun an Pipelines entlang und verrichten anfallende Arbeiten. Zudem verdienen sie so mehr als mit dem Export von in Russland beliebtem Rentierfleisch.

Die Kehrseite ist, dass die Routen der Tiere nun von Stahlrohren, Förderanlagen und Camps unterbrochen sind: Den meisten Nomaden gefällt das nicht. Die Auswirkungen auf die Umwelt durch die Förderung des blau-schwarzen Goldes ist auch für sie ein Thema. Der Reichtum der Polargebiete wird aber abgeschöpft: „In der Arktis geht es schlicht um Erdöl, Erdgas und Bergbau“, sagt Saxinger.

Die arktischen Rohstoffe sind der wirtschaftliche Motor, auch für die Heimatgebiete. Manche Fernpendler aus dem Nordkaukasus, dem Ural oder eben der Ukraine versorgen ganze Großfamilien mit ihrem Gehalt: „Mütterchen Russland hält die Dorfgesellschaften nicht am Leben, das machen die Menschen selbst“, sagt Saxinger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2016)

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