Wie Gehorsam das Gewissen entlastet

In einer milderen Variante des bedrückenden Milgram-Experiments hat sich gezeigt, dass wir uns von den Folgen des Handelns entkoppeln – zeitlich und inhaltlich –, wenn das Handeln befohlen wird.

(c) APA/AFP/TIMOTHY A. CLARY

Sie hätten ja nur Befehle verfolgt, verteidigten sich nach dem Zweiten Weltkrieg viele, die in Nürnberg der fürchterlichsten Verbrechen angeklagt waren, sie taten es so stereotyp, dass es als „Nürnberger Verteidigung“ in die Lehrbücher einging. Aber war die Berufung auf den Gehorsam wirklich nur eine Ausrede von Menschen, die in Wahrheit Teufel waren und/oder bestialische Triebe auslebten? Oder haben Befehle Macht, über jeden, auch den Gutmütigsten und Einfühlsamsten?

Diese Perspektive eröffnete 1963 der US-Psychologe Stanley Milgram mit seinem bedrückenden Experiment: Er lud Testpersonen ins Labor und erzählte ihnen, es gehe darum, ob Lernen durch Strafen gefördert werde: Dazu wurden Paare gebildet, aus je einem „Lehrer“ und einem „Schüler“: Der Lehrer war eine Testperson, der Schüler angeblich auch (in Wahrheit ein Mitarbeiter Milgrams). Der wurde vor den Augen des Lehrers auf einem Sessel festgeschnallt – „um wilde Bewegungen während des Experiments zu verhindern“ –, dann wurde ihm an einem Handgelenk eine Elektrode angebracht, zuvor war die Haut mit einer Creme eingerieben worden, „um guten Kontakt zu sichern und Verbrennungen zu vermeiden“. Zwischendurch fragte der Schüler, ob das Experiment wirklich ungefährlich sei, er habe einen leichten Herzfehler.

Dann führte der Experimentleiter den Lehrer in einen Nebenraum und setzte ihn vor einen Elektroschockgenerator. Mit dem sollte er den Schüler bestrafen, wenn er beim Lernen – es ging um die Zuordnung von Wörtern – einen Fehler machte. Die Strafe wurde von Mal zu Mal härter, sie begann mit einem 15-Volt-Stromstoß und steigerte sich bis zu 450 Volt. Der Schüler erlitt in Wahrheit nichts, aber das wusste der Lehrer natürlich nicht: Bei 75 Volt hörte er aus dem Nebenzimmer Schreie, bei 150 Volt sehr laute – „mein Herz!“ –, 82,5 Prozent der Lehrer taten weiter, 79 Prozent taten es auch bei 300 Volt, als es nebenan totenstill geworden war (J. Abnormal and Social Psychology 67, S. 371.).

Autorität: „Machen Sie weiter!“

Sie taten es, weil eine Autorität es befahl, der Experimentleiter: „Machen Sie weiter!“ Manche Testpersonen brachen noch im Experiment zusammen, andere später. Deshalb wiederholte man das Experiment lang nicht, erst 2009 ersann Jerry Berger (Santa Clara University) eine mildere Variante – „Milgram light“ –, sie kam zum gleichen Befund: Fast alle Testpersonen gehorchten der Autorität, unabhängig von Geschlecht und Charakter (American Psychologist 64, S. 1).

Was geht dabei in den Köpfen vor? Das hat Patrick Haggard (University College London) nun in einer noch milderen Variante getestet: Zwei Probanden saßen einander gegenüber und konnten einander mit Stromstößen wehtun, sie wechselten einander in den Rollen ab und erhielten für jede Schädigung des anderen Geld. Ob sie schädigten, konnten sie in der einen Variante des Experiments selbst entscheiden, in der anderen half die Autorität nach.
Dabei ging es um den „sense of agency“, darum, ob man für sein Handeln einsteht oder Verantwortung delegiert. Das verrät der zeitliche Abstand, mit dem man die Folgen eigener Taten wahrnimmt, Haggard hat es früher gezeigt: Tut man etwas mit guten Folgen, nimmt man es rascher wahr, bei üblen ist die Distanz größer, man entkoppelt sich. So war es auch jetzt: Wer freiwillig dem anderen etwas antat, um zu Geld zu kommen, sah Tat und Ergebnis zeitlich enger zusammen: 370 Millisekunden. Wer es unter Befehl tat, entlastet sich durch verzögerte Wahrnehmung: 437 (Current Biology 18. 2.). Das zeigten EEGs. Sie zeigten auch, dass in beiden Fällen im Gehirn etwas anderes vor sich geht. Was, das weiß Haggard nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2016)

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