Nicht jedes andere Verhalten bedeutet Parallelgesellschaft

Zuzug nach Österreich.Migrationsforscherin Gudrun Biffl sieht die Möglichkeit, verschiedene Kulturen zu verbinden.

Die Presse: Neuzuzug nach Österreich: Ab wann wird ein Migrant zu einem Österreicher mit Migrationshintergrund?

Gudrun Biffl: Normalerweise verwendet man das Wort Migrant sehr allgemein. Ist eine Person im Ausland geboren, dann ist sie ein Migrant, eine Migrantin der ersten Generation, da sprechen wir meist noch nicht von Migrationshintergrund. Der Migrationshintergrund bezieht sich eher auf die nachfolgende Generation; d. h. man geht davon aus, dass beide Elternteile aus dem Ausland zugewandert sind. Das Kind kann österreichischer Staatsbürger sein, muss es aber nicht.

 

Also eine Person in zweiter Generation.

Korrekt. Aber die Abgrenzung ist vage. Es gibt ja noch die Möglichkeit, dass nur ein Elternteil zugewandert ist, daraus ergibt sich schon eine gewisse Ungenauigkeit. Die Statistik stützt sich auf internationale Normen, und hier differenziert man nach dem Geburtsort beider Elternteile, ohne Berücksichtigung von sozial-integrativen Aspekten. In Österreich fasst man häufig die erste und zweite Generation unter der Bezeichnung Migrationshintergrund zusammen.

 

Wie kommt es dazu, dass laut Studien jene der zweiten, auch der dritten Generation zum Teil weniger angepasst sind als die zugewanderten Eltern?

Personen, die direkt zuwandern, sind noch mit ihrer eigenen Kultur sehr verbunden, sie bemühen sich aber, in die neue Kultur hineinzukommen und sie zu verstehen. Wenn die Eltern negative Erlebnisse im Aufnahmeland haben, dann hört die zweite Generation oft, dass das bei ihnen zu Hause nicht so wäre. Da kann bei den Kindern das Gefühl entstehen, dass es im Herkunftsland der Eltern besser war, und wenn man dann noch eigene negative Erlebnisse hat, dann kann man schon sagen: Ich habe ja noch eine Alternative, ich kann ja zurückgehen. Die Jungen kommen immer wieder in den Ferien in ihr Ursprungsland, in Österreich fühlen sie sich vielleicht auch sprachlich nicht ganz wohl und können nicht mit den Anforderungen der österreichischen Gesellschaft mithalten.

 

Die junge zweite Generation bleibt auch in der Freizeit unter sich.

Das fängt ja schon bei den kleinen Kindern an. Wir haben z. B. in Vorarlberg festgestellt, dass sie im Kindergarten oft in der ethnischen Community bleiben, in der sie aufgewachsen sind – sie sprechen untereinander die Sprache der Eltern. Die Kinder bleiben damit schon im Kindergarten für die österreichischen Kinder fremd.

 

Kann man da von einer Parallelkultur sprechen?

Das muss nicht notwendigerweise sein. Es gibt auch Möglichkeiten, beide Kulturen zu leben und miteinander zu verbinden. Nehmen wir ein altes österreichisches Beispiel: Aus der Zeit der Monarchie haben wir einige kroatische Dörfer im Burgenland. Da spricht die Bevölkerung bis jetzt Kroatisch, diese Menschen können aber auch Deutsch, d. h. sie sprechen beide Sprachen, sind eingebunden in die österreichische Gesellschaft. Man wird sie nicht als Parallelgesellschaft bezeichnen. Sie leben nur in beiden Kulturen und fühlen sich in beiden wohl und zu Hause.

 

Aber hier gibt es ja eine lange gemeinsame Geschichte.

Richtig. Da ist die Frage, ob das das Ausschlaggebende ist. Wenn man in unterschiedliche Kirchen, in Moscheen geht, heißt das nicht, dass die Menschen in Parallelgesellschaften leben. Sie haben nur zum Teil andere Traditionen. Man muss mit dem Wort sehr vorsichtig sein, weil es ausgrenzend wirkt.

Man spricht heute viel von der österreichischen, der mitteleuropäischen Kultur. Aber ist es ein Rezept, dass Migranten ihre eigene Kultur aufgeben und unsere als Überkultur annehmen sollen?

Es ist die Frage, ob sie das eine aufgeben sollen, um das andere anzunehmen. Wenn wir die australische Gesellschaft hernehmen, die aus den verschiedensten Ethnien zusammengewürfelt ist, dann ist das nicht notwendig. Man muss sich allerdings an ganz bestimmte Verhaltensmuster und Regeln halten. Dann entwickelt sich ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl.

Es geht in der Diskussion um das Werteverhältnis. Werte sind Bestandteil einer Kultur.

Ja, jede Kultur hat Werte. Die Zehn Gebote sind in den drei großen Religionen dieselben, das sind Verhaltenscodices, die einzuhalten sind. Die andere Frage sind die in Europa geprägten Menschenrechte. Es gibt Gesellschaften, in denen Individualrechte wenig verankert sind, dafür aber Gruppenrechte. Dann tun sich Ankömmlinge, in denen Stammeskulturen zählen, mit der zunehmend individualisierten Gesellschaft Österreichs, in der erwartet wird, dass jeder für sich selbst verantwortlich ist, schwer.

 

Zum Beispiel unterschiedliche, die Frauen betreffende Werte.

Ja, das sind wesentliche Verhaltensmuster: Wie gehen wir um mit den Alten, wie mit den Frauen, wie mit den Kindern? Wenn wir es mit Gesellschaften zu tun haben, in denen Kinder als Eigentum der Familien betrachtet werden, dann gibt es wenig Verständnis für Kinderrechte. Wenn die Frau gehorchen muss, dann gibt es wenig Verständnis für die Individualrechte der Frau.

 

Wie lange braucht es, bis Migranten unsere Werte übernehmen?

Bei einem Großteil ist es die zweite Generation, d. h. es braucht nur eine Generation. Wenn die Kulturunterschiede allerdings sehr groß sind, wenn man z. B. aus einem patriarchalen System kommt, in dem sich die Angehörigen dem Willen des Familienoberhaupts unterwerfen müssen, dann wird man das nicht in einer Generation schaffen.

 

Bis zu welchem Migrantenanteil ist eine kulturelle Eingliederung möglich?

Das hängt von der Herkunft ab. Angesichts der gemeinsamen kulturhistorischen Entwicklung sollten Migrationen innerhalb Europas keine Anpassungsprobleme auslösen. Es wird aber stets einen Prozentanteil von Leuten geben, die sehr traditionsbewusst leben wollen – und das muss auch möglich sein, wenn sie sich an die Gesetze der Aufnahmegesellschaft halten.

ZUR PERSON

Gudrun Biffl leitet seit 2008 das Department Migration und Globalisierung der Donau-Universität Krems (Zentrum für Europäische Integration). Sie ist Referentin beim diesjährigen Dürnstein-Symposium – Thema: „Vertrauen in unsicheren Zeiten. Optionen für die Zukunft“; 10. bis 12. März 2016, Prälatensaal des Stiftes.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.03.2016)

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