„Kein Mann kann unbegrenzt Kinder zeugen“

Verhaltensforschung. Die Biologin Elisabeth Oberzaucher sieht es als Bringschuld universitärer Forscher, Wissen der Öffentlichkeit klar zu vermitteln. Ihre Forschungen handeln von Körpergeruch und unserem schwierigen Leben in der Stadt.

Elisabeth Oberzaucher
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Elisabeth Oberzaucher
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Presse:Sie sind die erste Frau, die mit den Science Busters auftritt. Was kann eine Verhaltensbiologin für diese Wissenschaftsvermittlung bieten?

Elisabeth Oberzaucher:Viele Geschichten, die meine Kernkompetenz sind, kamen schon bei den Science Busters vor: Mann-Frau-Themen oder wie unser Gehirn funktioniert. Ich denke, dass die verhaltensbiologische Sicht zur Sicht der Physiker sehr ergänzend sein kann. Im April startet die nächste Staffel im ORF, für die Aufzeichnungen im Wiener Stadtsaal werde ich schon dabei sein.

Ihre Arbeit bekam 2015 große Aufmerksamkeit, als Sie den Ig-Nobelpreis gewannen: Dieser prämiert Forschungen, die zuerst zum Lachen, dann zum Nachdenken anregen. Sie waren die zweite Österreicherin, der dieser Preis je verliehen wurde.

Das kam überraschend. Noch dazu, dass wir den Preis in der Kategorie Mathematik und nicht Biologie erhielten.

Ihre Studie zeigt, wie viele Kinder ein Mann zeugen kann.

Im „Guinnessbuch“ wird der marokkanische Herrscher Moulay Ismael, geboren 1634, als Mann mit den meisten Kindern genannt: In einem Harem mit 500 Frauen zeugte er angeblich 888 Kinder. Wir haben aus biologischer Sicht mit einem mathematischen Modell getestet, ob es möglich ist. Die Antwort ist: Ja, wenn er über 32 Jahre ein-, zweimal pro Tag Sex hat.

Sind Sie dieser Frage aus Jux nachgegangen?

Nein, es ist ganz zentral für die Verhaltensforschung: Wie viel Nachwuchs kann ein Mensch haben? Die Asymmetrie zwischen Frauen, die nur wenige Kinder gebären können, und Männern, die sich angeblich unbegrenzt vermehren können, ist Basis für viele Theorien in der evolutionären Psychologie. Doch ein wissenschaftlicher Geist weiß: Nichts ist unbegrenzt. Auch wenn ein Mann nichts anderes tut außer kopulieren, ist die Zahl der Zeugungen nicht unbegrenzt. Daher haben wir erstmals nachgerechnet, wie viel wirklich möglich ist.

Haben Sie es für Frauen auch berechnet?

Nicht mit dieser Genauigkeit. Es gibt einen historischen Fall von einer Frau in Russland – ihr Name ist nicht bekannt, nur der Name ihres Mannes: Sie gebar angeblich 69 Kinder. Das ist nur mit vielen Mehrlingsgeburten möglich und wenn die Nachbetreuung und das Stillen an Ammen abgegeben werden kann.

Welche Ihrer Forschungen eignen sich noch für die Bühne mit den Science Busters?

Eines meiner Hauptthemen ist Geruch und wie er der Kommunikation dient. Geruch gibt es im positiven und im negativen Sinn, also Duft und Gestank.

Sie haben selbst den Geruch der Bewohner Ihres Kärntner Heimatdorfes untersucht, bei dem sich zeigte, dass Familien ähnlich riechen. Und dass Achselgeruch beinahe so eindeutig einem Menschen zuordenbar ist wie ein Fingerabdruck.

Ich finde Geruchsforschung einfach spannend: Wenn man über Kommunikation forscht, stößt man auf viele „unehrliche Signale“, die gefälscht werden können, um Mitmenschen zu täuschen. Doch bei Geruch kann nicht gelogen oder manipuliert werden.

Außer mit starkem Parfum?

Nicht einmal dann. Studien zeigen, dass Menschen nicht zufällig ihr Parfum auswählen, sondern nach ihren Immungenen. Personen mit ähnlichen Immungenen wählen den gleichen Duft. Man versucht nicht, seinen Geruch zu übertünchen, sondern eher zu verstärken, wonach man riecht.

Wie können Sie solche Ergebnisse, außer auf der Bühne, der Öffentlichkeit vermitteln?

Ich bin ein leidenschaftlicher Hörer von Podcasts: Weil ich viel zu Fuß gehe, nutze ich die Zeit, in der man nicht lesen oder auf ein Handy schauen kann, um mich mit solchen Audiodateien weiterzubilden. Das würde ich gern in Österreich entwickeln, um Wissenschaft verdaulich zu vermitteln.

Welche Vorbilder haben Sie da?

Im englischsprachigen Bereich boomen Podcasts als gute wissenschaftliche Formate, zum Beispiel vom „Nature“-Journal. Bei uns ist es noch eine Marktlücke: Das könnten Interviews mit Forschern sein oder Beiträge, die sich vertiefend, aber spannend mit verschiedenen Themen auseinandersetzen.

So etwas lernt ein Wissenschaftler aber nicht an der Uni . . .

Das ist das Problem: Universitäre Wissenschaftler beziehen ihr Gehalt aus Steuergeldern. Da hat man durchaus eine Bringschuld, der Öffentlichkeit zu erklären, welche Forschungsergebnisse man erzielt. Die Fähigkeit zur Kommunikation gehört in der Ausbildung viel mehr gefördert. Anstatt nur im Elfenbeinturm in der speziellen Fachsprache zu bleiben, sollen Wissenschaftler viel mehr hinausgehen.

Ist Ihr Buch „Homo Urbanus“, das demnächst erscheint, für die Allgemeinheit verständlich?

Natürlich: Die Stadtforschung ist mein Herzenskind. Denn der Mensch ist als biologisches Wesen nicht für das Stadtleben gebaut.

Wie meinen Sie das?

Es beginnt bei der sozialen Komplexität: Unser Gehirn ist für eine Gruppengröße von etwa 150 Personen gemacht, aber Städte sind viel größer. Auch die Form von Gebäuden und öffentlichen Räumen ist weit von unserer Evolutionsgeschichte entfernt, und darum ist unsere Orientierungsqualität schlecht. Die Naturferne ist ein weiteres Problem, es gibt viel zu wenig Pflanzen und Wasser in Städten. Hinzu kommen Probleme mit dem Lärm, dem Schmutz und der Anonymität. All dies führt zu Stress und Überforderung.

Kann Forschung hier helfen?

Man kann urbane Umwelten an den Menschen als biologisches Wesen anpassen. Das geht von stadtplanerischen Überlegungen, Platzgestaltung bis zur Gestaltung der Innenräume von Straßenbahnen. Dann können sich Menschen wohler fühlen, und die Gesundheit wird weniger belastet.

ZUR PERSON

Elisabeth Oberzaucher, geboren 1974 in Förolach, Kärnten, studierte an der Uni Wien Verhaltensbiologie. In ihrer Vorlesung „Mann und Frau aus Sicht der Evolution“ lässt sie die Studierenden schätzen, wie viele Kinder ein Mensch zeugen kann. Die korrekte Antwort – knapp 1200 – wird selten erraten, da viele vom Mythos der unbegrenzten Zeugungsfähigkeit eines Mannes ausgehen. Ihr mathematisches Modell, das die mögliche Zahl der Kinder berechnet, wurde an der Uni Harvard 2015 mit dem Ig-Nobelpreis prämiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.03.2016)

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