Brauchen Kindergärten mehr männliche Betreuer?

Bildungswissenschaft. Im frühpädagogischen Bereich sind Männer sehr selten. Forscher der Universität Innsbruck kennen Strategien, um das schlechte Image des Kindergärtners zu ändern. Doch sie werden nicht umgesetzt.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Kinder, die gern toben und laut sind, haben es nicht immer leicht im Kindergarten. Beliebter sind oft die, die brav im Stuhlkreis sitzen oder gern basteln. Der Psychologe und Bildungswissenschaftler Josef Christian Aigner hat nachgewiesen, dass „Männer in der Kinderbetreuung andere Elemente in das pädagogische Feld einbringen, die sowohl für Kinder als auch für Kolleginnen bereichernd sind – etwa raumgreifendere und eher wettkampforientiertere Spielweisen“. Männer seien „toleranter gegenüber kindlicher Risikofreude und Unordnung und geradliniger in der Teamkommunikation“.

Dennoch sind in den österreichischen Kindergärten nur ein bis zwei Prozent der Betreuer männlich, in Deutschland sind es vier Prozent. Bernhard Koch hat am bildungswissenschaftlichen Institut der Uni Innsbruck im Rahmen des vom FWF geförderten Forschungsprojekts „Strategien zur Erhöhung des Männeranteils in Kinderbetreuungseinrichtungen“ untersucht. Vertreter regionaler Institutionen, Politiker und Ausbildungsverantwortliche in Tirol wurden dazu befragt, wie man vorgehen könnte, um mehr männliche Kräfte für den Mangelberuf zu gewinnen. Es stellte sich heraus, dass 87 Prozent der 562 Experten mehr Männer im Kindergarten befürworten, 11,6 Prozent mit „eher ja“ antworteten. Doch die Bereitschaft, Maßnahmen zur Veränderung zu ergreifen, erwies sich als deutlich geringer.

 

Vorurteile: Uncool und schwul

Ein Hindernis liegt im schlechten Image des Berufs. „Uncool“, „schwul“ oder „pädophil“, so Aigner, laute das Urteil vieler fünfzehnjähriger Burschen über die Tätigkeit als Kinderbetreuer. Sie seien deshalb auch nur selten bereit, die Ausbildung über die Bundesanstalt für Kindergartenpädagogik, Bakip, zu wählen. Aigner sieht die dringende Notwendigkeit, stattdessen eine Hochschulausbildung auch für Betreuer im Kindergarten zu etablieren. Als kurzfristige Strategie wird in der Studie vorgeschlagen, den Beruf durch Besuche von männlichen Kinderbetreuern in Schulklassen vorzustellen und so ein realistischeres Bild zu vermitteln.

Mithilfe von interessierten Lehrern wurde eine Einstellungsmessung durchgeführt, bevor und nachdem männliche Kinderbetreuer ihre Arbeit in Schulen vorgestellt hatten. Eine deutlich positivere Beurteilung des Berufs nach der Vorstellung war das Ergebnis. Die zeitlich begrenzte direkte Förderung von Männern, ähnlich der für Frauen in technischen Berufen, stößt auf breite Vorbehalte. Befürchtungen seien, Männer könnten Frauen so Stellen streitig machen oder die Leitungsstellen in den jeweiligen Einrichtungen einnehmen, berichtet Koch. Fast neun Prozent stimmten der Aussage zu: „Ich bin gegen Fördermaßnahmen für Männer im Elementarbereich, weil Frauen alle Erfordernisse angemessen erfüllen können.“

Aigner sieht jedoch auch formale Probleme, die Männer abschrecken: „Das Gleichbehandlungsgesetz zwingt dazu, selbst in Ausschreibungen für Berufe, in denen Männer unterrepräsentiert sind, besonders Frauen einzuladen, sich zu bewerben und diese dann bevorzugt zu behandeln. Das müsste in Kinderbetreuungsberufen auf Männer bezogen werden.“ Nach Kochs Urteil zeigten die Befragungen, dass es vor allem von der Eigeninitiative einzelner Kindergartenleitungen abhängt, ob Kinder außerhalb der Familie auch von Männern betreut werden.

IN ZAHLEN

99Prozent der 562 befragten Experten aus den Bereichen Elementarpädagogik und Frauen-/Männerförderung sprachen sich für mehr Männer im Kindergarten aus.

71Prozent befürworten eine Männerförderung bei Ausschreibungstexten.

66Prozent sind für mehr finanzielle Anreize, vergleichbar mit Frauenförderungsplänen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.04.2016)

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