Piraterie von Wissenschaftsjournals greift um sich

Die umstrittene Website Sci-Hub zapft in großem Maßstab und außerhalb jeder Legalität etablierte Verlagshäuser an – und wird rund um den Erdball exzessiv genutzt, nicht nur in Armenhäusern, die sich teure Fachzeitschriften kaum leisten können.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) REUTERS (KACPER PEMPEL)

Wer eine wissenschaftliche Publikation lesen will, muss meist dafür bezahlen, für einen Artikel in Applied Mathematics and Computation etwa 28 Dollar. Das hätte sich für Meysam Rahim, einen angehenden Ingenieur in Teheran, rasch summiert: Er brauchte so viel Fachliteratur, dass pro Woche 1000 Dollar angefallen wären. Sie hatte er nicht, auch seine Universität bzw. deren Bibliothek hatte sie nicht. Also hat er sich bei Sci-Hub bedient, das ist die weltgrößte Sammlung von Fachliteratur, die irgendwie auf die Homepage gekommen ist – durch Hacker oder auch unter der Hand durch Forscher, von denen die Arbeiten stammen – und gratis zugänglich ist: 50 Millionen Artikel lagern dort, 28 Millionen wurden im letzten halben Jahr abgerufen. Das Phänomen wurde selbst Thema in Fachjournals, Science und Nature berichteten breit.

Hintergrund ist die Vermarktungspolitik der Fachverlage bzw. das Unbehagen vieler Forscher daran. Es gibt kaum andere Sparten, die derartige Gewinne einfahren wie die Wissenschaftsverlage: Der größte etwa, Elsevier – 2500 Journals, darunter so wichtige wie Cell und Lancet –, hat laut „Financial Times“ 2010 einen Gewinn von 1,16 Mrd. Dollar ausgewiesen, das war über ein Drittel des Umsatzes.
Das kommt u. a. so zustande: Wer als Privatmann ein Journal abonnieren will, etwa Cell oder Nature oder Science, der kann das zu einem moderaten Preis tun. Wenn aber Bibliothekare einer Uni das Journal wollen, wird es teuer, und sie müssen das eine Erwünschte oft im Paket mit anderen ordern, die sie gar nicht brauchen. Darunter leiden auch reiche Universitäten, dagegen hat sich um 2001 eine Gegenbewegung formiert, Open Access: Nicht der Leser sollte etwas bezahlen, sondern der Forscher, der publiziert.

Das begann mit PLoS (Public Library of Science), inzwischen gibt es viel „open access“. Aber solche Journals müssen sich erst etablieren: Wer in der Forschung etwas werden will, muss in den renommiertesten Journals publizieren, das Renommee hängt am „impact factor“. Bei altgedienten Flaggschiffen wie Nature geht dieser in die Zehntausende Punkte, ein Newcomer hat null.

 

Alleingang junger Computerspezialistin

So konnten sich die Etablierten halten, auch die zweite Attacke steckten sie weg: 2011 riefen 3307 Forscher zu einem Boykott von Elsevier auf, wegen „exorbitant hoher Preise“. 2014 kam es gar zu einer internen Revolte, die Herausgeber von Lingua, einem linguistischen Journal Elseviers, legten aus Protest gegen die Preispolitik ihre Funktion nieder. Es blieb ein Nadelstich. Um diese Zeit war die dritte Attacke in Gang, gestartet 2011 im Alleingang von Alexandra Elbakyan, einer 22-jährigen kasachischen Computerspezialistin: Sie gründete die Piratenplattform Sci–Hub. Sie hat auch den Überblick: In den letzten sechs Monaten wurden 28 Millionen Dokumente auf die Server gestellt, abgerufen wurden 2,6 Millionen vom Iran aus, 2,3 Mio. aus China, 1,9 Mio. aus Indien. An vierter Stelle liegt Russland (945.000), gefolgt von den USA (714.000). Auch in Österreich wird zugegriffen, vor allem in Wien, es geht nicht nur um die Armenhäuser.

Die Zahlen nannte Elbakyan gegenüber Science (352, S. 508), sie sprach in allem völlig offen. Nur ihren Aufenthaltsort hält sie geheim. Elsevier hat in den USA Klage eingebracht, wegen Verletzung von Copyrights und wegen illegalem Hacken, darauf steht Gefängnis. Sci-hub.org wurde schon verurteilt, aber die US-Justiz hat keinen Zugriff: Die Server stehen irgendwo in Russland.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.05.2016)

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