Filmkamera wie Lego selbst bauen

Die erste Open-Hardware-Filmkamera der Welt stammt aus Österreich: Die Baupläne der Axiom-Kamera sind frei verfügbar für jeden, der sie umbauen will.

AXIOM Beta Full enclosure concept
AXIOM Beta Full enclosure concept
(c) apertus.org

Eine rasante Fahrt mit dem Motorrad wird am Filmset mit einer anderen Kamera gefilmt als eine romantische Zeitlupenaufnahme der beiden Hauptdarsteller. Für jeden Anspruch an die Bilder gibt es unterschiedliche Spezialkameras, jede davon kostet mehr, als sich eine kleine Firma leisten könnte. Die hohen Kosten sind einer der Gründe, die zum EU-Projekt „Axiom“ geführt haben, das an der Universität für angewandte Kunst in Wien koordiniert wird: Hier vereinten sich Tüftler der ganzen Welt, um eine Kamera zu gestalten, die man für spezielle Anwendungen anpassen kann: Ihre Baupläne und elektronischen Schaltpläne sind nach dem Open-Source-Prinzip frei verfügbar für jeden, der weiterbasteln will.

„Moderne Kameras werden als Blackbox geliefert: Man drückt den On-Knopf und weiß nicht, was elektronisch darin passiert und wie das Bildermaterial digital verarbeitet wird“, sagt Technologieforscher Matthias Tarasiewicz. Viele Hersteller verwenden die gleiche Technologie, und nur durch spezielle Software wird das Bildmaterial mit Effekten versehen. „Bei der Blackbox weiß man nie, wie und warum es funktioniert: Das wollen wir ändern, indem wir alles offenlegen, was in der Axiom-Kamera passiert“, sagt Tarasiewicz. Forschungspartner in dem Projekt ist der gemeinnützige Verein Apertus Association, der 2012 in Wien gegründet wurde, um diese frei verfügbare Kinotechnik zu entwickeln.

 

Digitales Kino mit Blackbox

„Apertus“ heißt „offen“, ihr Produkt ist die erste Open-Hardware-Filmkamera der Welt: Das Open-Source-Prinzip wird für die gesamte Technik der Kamera umgesetzt, und jeder, der sich auskennt, kann die Technologie verändern oder verbessern. „Wenn man nicht weiß, was in dem Filmgerät passiert, werden die Filmemacher zu Marionetten der Kamerahersteller“, sagt Sebastian Pichelhofer, Mitgründer der Apertus Association in Wien.

Die Digitalisierung begann zuerst beim Broadcast-Format für das Fernsehen, doch Kinofilme wurden weiterhin auf „Super 35mm“-Filmen analog gedreht. Die Technologie für so großformatige Digitalsensoren entwickelte sich erst in jüngster Zeit. Und nun wollen immer mehr Filmemacher die Kontrolle darüber haben, was mit den aufgenommenen Bildern passiert, welche Technologie man wie einsetzen muss, um aus den digitalen Daten schöne Kinoaufnahmen zu bekommen. „Bei Open Source kann jeder selbst Einfluss nehmen“, betont Pichelhofer. Ähnlich wie früher Fotografen in der Dunkelkammer bestimmte Effekte der Bilder erreichen konnten, soll es durch die Open-Hardware-Kamera ermöglicht werden, dass man das Gerät nach seinen Wünschen anpassen kann. „Für den Kinobesucher ist die Axiom-Kamera wahrscheinlich noch nicht relevant“, sagt Tarasiewicz. Aber das Expertenpublikum giert nach der Technologie, die keine Blackbox ist.

 

Fördert Reparierbarkeit

„Wenn man das Gerät aufmachen kann und versteht, wie es funktioniert, fördert das auch die Reparierbarkeit“, betont Tarasiewicz. Schließlich werden sogar teuerste Kameras in der Filmbranche weggeworfen, wenn man kleine Defekte nicht reparieren kann. „Man ist auf den Service des Herstellers angewiesen – das fällt bei Open Hardware weg, wenn jeder die Baupläne herunterladen kann“, sagt Tarasiewicz. So sind defekte Teile ohne großen Kostenaufwand austauschbar, und verbesserte Technologien können eingearbeitet werden. „Modularität ist das Ziel“, sagt Pichelhofer: „Ein Lego-Baukasten für Filmkameras. Man hat ein System, das man für jede spezielle Anwendung mit wenigen Handgriffen anpassen kann.“ Dann gibt es an einem Filmset neben der Axiom-Kamera für Highspeed-Aufnahmen eine für Unterwasser-, eine für Flug- und eine für Schwarzweiß-Aufnahmen. Oder man verwendet 50 Kameras, die synchronisiert Szenen aus 50 Blickwinkeln aufnehmen können.

„Es beschränkt sich nicht auf Kinofilme: Kürzlich wurden die Axiom-Kameras in den USA eingesetzt, um mit Infrarotaufnahmen landwirtschaftliche Daten einer Landschaft zu erheben“, sagt Tarasiewicz, der auch den Einsatz in der Mikroskopie und Teleskopie für möglich hält.

Wer die Kamera live sehen oder sich als Filmemacher versuchen möchte, kann am Montag, 23. Mai ab 14 Uhr, am Axiom-Workshop teilnehmen. Dieser findet im Rahmen des Open-Source-Festivals Coded Cultures: Openism statt, das vom 19. bis 29. Mai in Wien (1., Am Hof 3) läuft.

Der Höhepunkt des Festivals ist die Open-Hardware-Konferenz im Museum für angewandte Kunst am Freitag, 28. Mai ab 14 Uhr, wo ebenfalls Axiom-Kameras präsentiert werden. [ Foto: Riat ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2016)

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