„Was zählt, ist die großartige Idee“

Der WissenschaftsfondsFWF vergibt etwa 200 Millionen Euro pro Jahr für die Grundlagenforschung. Der neue Präsident, Klement Tockner, fordert von der Regierung eine höhere Dotation und will inhaltliche Argumente liefern.

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(c) Erwin Wodicka - BilderBox.com (Erwin Wodicka - BilderBox.com)

Die Presse:Sie befinden sich in Berlin und nehmen nun eine wichtige Funktion in Wien wahr. Warum tun Sie sich das an?

Klement Tockner:Ich hatte das Privileg, in renommierten Instituten frei zu forschen, und ein solches auch über mehr als acht Jahre zu leiten. Jetzt wartet eine immense Verantwortung, den FWF erfolgreich zu führen und sich dabei für die Grundlagenforschung in Österreich einzusetzen, damit sie jene Unterstützung erhält, die sie dringender denn je benötigt. Zugleich kann man auf ein hoch motiviertes und kompetentes Team bauen. Darauf freue ich mich auch.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit Förderungen?

Einerseits habe ich eine Reihe an Forschungsprojekten geleitet, zuletzt ein großes europäisches Projekt zur biologischen Vielfalt von Binnengewässern. Andererseits kann ich auf langjährige Erfahrung als Mitglied eines Fachkollegiums der Deutschen Forschungsgemeinschaft und als Gutachter nationaler und internationaler Forschungsprojekte und -programme zurückgreifen.

Wie wichtig ist es, in der Wissenschaft Mittel kompetitiv einzuwerben? Ist das bei niedrigen Bewilligungsquoten eine sinnvoll investierte Zeit?

Kompetitiv eingeworbene Mittel führen in der Regel auch zu qualitativ besonders hochwertigen Forschungsergebnissen. Grund ist, dass man die notwendige konzeptionelle Arbeit und Forschungsplanung leisten muss, um erfolgreich in der Antragstellung zu sein. Insofern ist das Schreiben von Anträgen keineswegs verlorene Zeit. Besonders negativ auf die Forschungsleistungen wirkt sich aber aus, wenn aufgrund der Budgetknappheit auch die sehr guten Anträge nicht mehr gefördert werden können.

 

Wie soll das Budget, derzeit etwa 200 Millionen Euro pro Jahr, denn beschaffen sein?

Es sind Zahlen im Vorfeld genannt worden, etwa 100 Millionen, die der FWF noch benötigen würde.

Würde. Aber was kann man tun, damit der FWF angesichts der Sparprogramme auch die Mittel erhält?

Wir werden überzeugende Konzepte entwickeln und dem Ministerium vorlegen. Ich gehe davon aus, dass die inhaltlichen Argumente so überzeugend sind, dass uns zusätzliche Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Im Bereich der Grundlagenforschung ist der FWF die zentrale Förderorganisation. Aus diesem Grund ist eine ausreichende Finanzierung des FWF so wichtig, da in Österreich die Alternativen beschränkt sind.

Es wurden zuletzt 21,4 Prozent der eingereichten Anträge auch bewilligt. Da hat sich in den vergangenen Jahren doch ein deutlicher Rückgang vollzogen.

Es geht um die Anträge, die exzellent sind und nicht gefördert werden können. Das ist ein sehr hoher Anteil. Wir müssten auf eine Bewilligungsquote zwischen 25 und 30 Prozent hinkommen.

Die Antragsrichtlinien wurden zum Jahresbeginn 2015 verschärft, da gab es auch Proteste seitens der Forschungscommunity. Werden diese Verschärfungen zu Recht durchgeführt?

Die Verschärfungen sind ja in erster Linie Resultat der Budgetknappheit. Das Problem ist: Wenn man Qualität als ausschließlichen Grund für die Förderung hernimmt und dann Quoten einführen muss, dann widerspricht das dem Grundprinzip der Förderung.

Was bedeuten Förderungen für die wissenschaftliche Laufbahn, sind Förderungen für ältere Forscher überhaupt zielführend?

Kompetitiv eingeworbene Mittel sind ein Qualitätssiegel für jeden Forscher. Aber sie sind in erster Linie Mittel, um spannende Ideen zu verwirklichen, nicht ein Ziel an sich. Und Forschungsprojekte sind immer auch ein Nukleus, um weitere Leute anzuziehen, ganz Neues zu wagen und spannende Netzwerke zu bilden. Und Forschungsprojekte sind altersunabhängig – was zählt, ist die großartige Idee.

Alle reden von Arbeitsplätzen in der Wirtschaft – wie wichtig sind da noch Förderungen für geisteswissenschaftliche Fächer?

Gerade hat eine Studie des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel gezeigt, dass die Ergebnisse der Grundlagenforschung innovativer und überraschender sind als jene, die im Rahmen zweckgerichteter Auftragsforschung entstehen. Der wirtschaftliche Erfolg von morgen ist somit das Resultat der Grundlagenarbeiten von heute. Grundlagenforschung schafft Erkenntnis, ermöglicht Innovation. Zudem sind die Ergebnisse öffentlich geförderter Forschung Gemeingut. Das gilt insbesondere für Projekte der Geistes- und Sozialwissenschaften. Es geht nicht nur um die unmittelbar zu schaffenden Arbeitsplätze, es geht um die Entwicklung einer wissensbasierten, aufgeklärten Gesellschaft. Und die benötigt die kritische Reflexion über Kulturleistungen und soziale Strukturen – sei es nun in Bezug auf Politik, Wirtschaft, Recht, Geschichte, Kunst oder Sprache.

Sollen Förderungen breit gestreut vergeben werden, sozusagen das Gießkannenprinzip, oder soll man mehr Schwerpunktthemen fördern?

Der FWF fördert Projekte ausschließlich nach Kriterien der wissenschaftlichen Qualität, nicht nach Quoten für einzelne Disziplinen. Zusätzlich werden durch Spezialforschungsprogramme Forschungsschwerpunkte gesetzt. Diese können durch strategische Förderlinien zusätzlich gestärkt und erweitert werden, etwa zu zukunftsweisenden Themen von großer gesellschaftlicher Relevanz, die oft noch gar nicht Teil des öffentlichen Diskurses sind. Solche Förderprogramme werden vermehrt disziplinenübergreifend sein und verbinden Grundlagenforschung mit anwendungsorientierter Forschung.

Wo sehen Sie den Stellenwert Österreichs in der internationalen Forschung?

Es gibt viele Forschungsbereiche von Weltruf, etwa in der Quantenphysik, den Lebenswissenschaften, in Teilen der Medizin, der Demografie oder der Byzantinistik. Es ist ein riesengroßes Potenzial vorhanden, und das in allen Disziplinen. Es wäre unglaublich schade, wenn man dieses Potenzial mangels Ressourcen nicht fördern könnte.

 

Sie sind jetzt in Berlin, wie sieht man dort Österreichs Forschung?

Eine besondere Anerkennung findet die Qualitätssicherung des FWF: Diese hat eine hohe internationale Reputation.

ZUR PERSON

Klement Tockner (geboren 1963 in Murau, Steiermark) promovierte 1993 an der Uni Wien (Zoologie und Botanik). Von 1996 bis 2007 war der Biologe an der ETH Zürich tätig, dann übernahm er die Leitung des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin, des größten deutschen Forschungszentrums für Binnengewässer, und einen Lehrstuhl an der Freien Universität Berlin. Am Dienstag wurde er zum neuen Präsidenten des Forschungsförderungsfonds (FWF) gewählt. Tockner wird nach Österreich zurückkehren und spätestens im September das Amt antreten. Er setzt sich die Erhöhung der Fördermittel zum Ziel: 2015 waren es 204,7 Millionen Euro, 2014 noch 211,4 Millionen Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2016)

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