Die Freude an der Umdatierung

Felix Höflmayer gräbt Keramik des Vorderen Orients aus und datiert diese mit der C-14-Methode. Nun bewertet er die bislang mit ägyptischen Quellen erforschte Levante neu.

ISRAEL ARCHEOLOGY
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ISRAEL ARCHEOLOGY – (c) EPA (HEBREW UNIVERSITY IN JERUSALEM)

Internationale Forscherteams graben sich schon seit Jahren durch verlassene Wüsten und steinerne, trockene Erde im Vorderen Orient. Mitten im heutigen Israel, Palästina, Libanon und Jordanien existieren zahlreiche archäologische Fundstätten, die großteils noch unter dem Sand verborgen sind. Dabei standen in der Levante, wie das Gebiet bei Althistorikern heißt, in der Frühbronzezeit (ca. 3500 v. Chr. bis 2000 v. Chr.) große befestigte Städte. Deren Bewohner pflegten sogar Handelsbeziehungen mit dem ägyptischen Alten Reich: Als dort die Pyramiden gebaut wurden, lieferte die Levante bereits große Mengen an Keramik.

Teil des internationalen Archäologen-Teams ist der Österreicher Felix Höflmayer vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er nähert sich der Levante mit naturwissenschaftlichen Methoden. Höflmayer will vor allem Fundschichten am Übergang der Mittelbronzezeit zur Spätbronzezeit (um 1500 v. Chr.) mit der Radiokarbon-, also der C-14-Methode, untersuchen. Dafür bekam der Archäologe kürzlich den mit 1,2 Millionen Euro dotierten START-Preis des Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF).

 

Aha-Effekt und Forschungslawinen

Das Verfahren ermöglicht ihm eine genaue Datierung der Funde. Der Archäologe freut sich zwar über jede Keramik an den Ausgrabungsstellen, der große Aha-Effekt erschließt sich ihm aber erst bei den Laborberichten: „Dabei strahlte ich in letzter Zeit häufiger. Denn die Ergebnisse sind nicht nur kohärent, sondern stehen vorherrschenden Theorien und Modellen oftmals entgegen“, sagt Höflmayer. Die Geschichte der Levante wurde bislang hauptsächlich mit textlichen Quellen aus Ägypten interpretiert. Diese spießen sich aber teils massiv mit den archäologischen Fundstücken.

So nahmen zahlreiche Forscher bislang an, dass die mächtigen befestigten Städte der Frühbronzezeit in der Südlevante ungefähr gleichzeitig mit dem ägyptischen Alten Reich zerfielen. Die historische Interpretation war ein um 2200 v. Chr. stattfindender Klimawandel. Die C-14-Methode der Funde zeigt aber, dass die levantinischen Städte bereits 300 Jahre vorher zerfielen, und die Bevölkerung wieder eine nomadische Lebensweise annahm. Das verschiebt die Chronologie völlig, was den Forscher aber freut: „Erst das bringt den Stein ins Rollen, und die Forscher beginnen nach- und umzudenken. Das tritt weltweit ganze Lawinen los“, sagt Höflmayer.

Das ist zudem ein Beweis für ihn, dass bei textlichen Quellen Vorsicht angebracht ist: nicht nur bei den Beamten- und Herrscherchronologien der Ägypter, sondern auch bei den Texten des Alten Testaments, die auch um diese Zeit entstanden. Der Forscher warnt davor, nach Dingen, die in der Bibel oder anderen Schriften beschrieben sind, zu suchen. Er betont, dass die Archäologie unabhängig betrieben werden muss. Relikte sollten zunächst gefunden und datiert werden. Erst danach soll analysiert werden, wie sich diese zu den Texten verhalten.

Aber auch das ist wichtig. Denn die gefundenen Metalle, Waffen, Transport- und Tischgefäße geben nicht immer Auskunft darüber, ob massive politische Veränderungen zugleich massive Veränderungen des Alltagslebens mit sich bringen. Höflmayer bringt ein Beispiel aus der Zeitgeschichte: Der Erste Weltkrieg war am Beginn des 20. Jahrhunderts eine der größten politischen Zäsuren mit langfristigen Folgen für die ganze Welt. „Dennoch haben die Menschen vor und nach dem Krieg aus denselben Töpfen gegessen“, sagt der START-Preisträger.

 

Töpfe, Bierflaschen und Stummfilme

Archäologen müssen sich mit derartigen Fragen auseinandersetzen, die noch weitergesponnen werden können: So hat sich etwa beim österreichischen EU-Beitritt die Form der Bierflaschen – anders als die Töpfe vor und nach dem Ersten Weltkrieg – verändert.

Dem Archäologen hilft es, sich sein Fach begreiflicher zu machen, wenn er derartige Überlegungen auf die unmittelbare Vergangenheit projiziert. Auch privat lässt ihn die Zeitgeschichte und Kultur nicht los: „Ich habe ein Faible für deutsche expressionistische Stummfilme. Außerdem lese ich gern österreichische Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, etwa Joseph Roth oder Stefan Zweig“, sagt er.

Gegenwartsprobleme kann er ohnehin nicht ganz ausblenden, bedenkt man die geopolitisch heiß umkämpften Zonen, in denen gegraben wird. Hier sei es aber wichtig eine Basis zu schaffen, auf der Archäologen aus dem Libanon, Israel, Palästina, Jordanien und Syrien zusammenarbeiten.

ZUR PERSON

Felix Höflmayer wurde 1978 in Wien geboren. Er schloss seine Promotion 2010 im Fach Ägyptologie an der Uni Wien mit „ausgezeichnetem Erfolg“ ab. Dann arbeitete er von 2011–2013 für das Deutsche Archäologische Institut in Berlin und Amann, von 2013–2015 an der University of Chicago (USA) und seit 2015 am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der ÖAW in Wien. Nun erhielt er den START-Preis des FWF.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2016)

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