In der Antarktis wird es kühl

Der jahrzehntelange Erwärmungstrend hat sich 1998 umgedreht, seitdem sinken die Temperaturen in dem Teil des Kontinents, der die größten Sorgen bereitet.

Gute Nachrichten für die Anrainer.
Gute Nachrichten für die Anrainer.
Gute Nachrichten für die Anrainer. – (c) APA/AFP/EITAN ABRAMOVICH (EITAN ABRAMOVICH)

Zwei Ikonen hat der Klimawandel, beide signalisieren höchste Not: die Antarktis und, am anderen Ende der Erde, die Eisbären. Die Antarktis – bzw. ihre Halbinsel, das ist jener Teil, der Südamerika am nächsten liegt – ist zu dieser Rolle gekommen, weil in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nirgendwo sonst die Temperaturen so stark gestiegen sind: Seit Beginn der regionalen Messung 1947, ging es pro Jahrzehnt um 0,5 Grad hinauf, die Folgen stachen ins Auge, Gletscher zogen sich zurück, Riesenflächen von Meereis brachen ab und drifteten los.

Bedroht war auch Leben, das der Adelie-pinguine vor allem. Aber sie schafften es nicht zur Prominenz derer, denen die Erwärmung in der Arktis den Boden bzw. das Eis unter den Füßen wegzunehmen droht, den Eisbären. Das sah so dramatisch aus, dass die internationale Naturschutzorganisation IUCN im November 2015 in Genf prognostizierte, von den derzeit geschätzten 21.000 bis 33.000 Eisbären würden in 35 bis 40 Jahren 30 Prozent verschwunden sein.

Aus der Nähe betrachtet ergibt sich allerdings ein völlig anderes Bild, zumindest in Spitzbergen und dem norwegischen Teil der Barentssee. Dort waren Forscher des Norwegian Polar Institute um Jon Aars im gleichen November 2015 fast fertig mit ihrem ersten Eisbärenzensus seit 2004: Damals lebten 685 in der Region, nun waren es 975, etwa 40 Prozent mehr. Die Gründe waren teilweise anthropogen – seit 1973 dürfen die Tiere nicht mehr gejagt werden –, andererseits haben die Bären sich an das durchaus dünner werdende Eis angepasst: Sie haben neue Nahrungsquellen erschlossen, Vogeleier vor allem, aber Aars hat auch schon beobachtet, dass sie sich über Delfine hermachen, die im wärmeren Meer weiter nach Norden ziehen.

Noch überraschender ist, was die unbelebte Natur in der Antarktis zeigt: Auf ihrer Halbinsel kehrte sich der Trend um, im Jahr 1998. Seitdem sinken die Temperaturen, in der Größenordnung, in der sie zuvor gestiegen sind, um 0,5 Grad pro Dekade. John Turner (British Antarctic Survey) hat es gemessen, und er findet einen höchst erstaunlichen Grund, in den Winden, die um die antarktische Halbinsel toben wie selten sonst. Sie haben sich so umgestellt, von westlicher Herkunft auf östliche: Kommen sie vom Westen, bringen sie wärmere Luft an die Küste, das wurde zusätzlich verstärkt durch einen anthropogenen Faktor, das Ozonloch.

 

„Innerhalb der Grenzen der Natur“

Dessen Gefahr wurde gebannt, aber es gab auch gar keinen Westwind mehr zu verstärken, denn die Natur selbst hat ihn gedreht, im Rahmen der Interdecadel Pacific Oscillation (IPO). Sie kommt und geht, wie der Name sagt, periodisch. Und die Erwärmung der antarktischen Halbinsel kommt und geht ebenso, das ist der Befund: „Absence of 21st century warming on Antarctic Peninsula consistent with natural variability“.

So heißt Turners Artikel in Nature (20. 7.), der Forscher meint es aber auch anders herum: Die Erwärmung in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts liege ebenfalls innerhalb der Grenzen der natürlichen Variabilität. Das hebt auch Eric Steig in einem Begleitkommentar hervor, der überwiegend zustimmend ist. Nur in einem Punkt nicht, in dem des Schlüsseljahrs 1998. Da kehrten sich nicht nur die Winde und Temperaturen in der Antarktis um, da begann auch global der Stillstand der Erwärmung, der „Hiatus“. Steig sieht mehr als Zufall darin, Turner hält das Geschehen in der Antarktis für ein regionales Phänomen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2016)

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