Kunst schafft Mitgefühl und Verständnis

Gedächtnis. Demenz gehört in einer alternden Gesellschaft zum Alltag. Ein interdisziplinäres Projekt der Universität für angewandte Kunst untersucht, wie Kunst und Design einen offenen Umgang damit fördern können.

THEMENBILD: ALTERSKRANKHEIT DEMENZ -  ALTENPFLEGE BEI DER �CARITAS�
THEMENBILD: ALTERSKRANKHEIT DEMENZ -  ALTENPFLEGE BEI DER �CARITAS�
(c) APA (HARALD SCHNEIDER)

Wer sich schlecht orientieren kann und vieles vergisst, verliert oft den Mut, das Haus zu verlassen oder schämt sich seiner Probleme. Das interdisziplinäre Projektteam „D.A.S. Dementia. Arts. Society.“ erforscht Kunst- und Designstrategien, die Menschen mit Demenz neue Perspektiven auf die eigenen Fähigkeiten eröffnen.

Projektleiterin Ruth Mateus-Berr von der Universität für angewandte Kunst in Wien will dabei wissen, ob sich verloren gehende Ressourcen auf andere Weise verankern lassen. „In sensorischen Workshops probieren wir aus, ob es möglich ist, bestimmte Assoziationen durch haptische Elemente aufzurufen“, sagt sie. Wenn beispielsweise ein Mensch, dessen Gedächtnis langsam schwindet, mit jemandem lebt, der die Natur liebt, könnten hier Gegenstände aus der Natur, z. B. Steine, zur Erinnerung an ihn und zum Wiedererkennen beitragen, wenn sie berührt werden. „Haptische Materialien sollen taktile Erfahrungen schaffen, die helfen, die ursprüngliche Erinnerung zu erhalten, und Ressourcen zeigen“, erklärt Mateus-Berr. Ähnlich werden Fotos und Musik in der Reminiszenz-Therapie eingesetzt.

 

Emotion bleibt länger erhalten

Ein weiterer Aspekt des jetzt gestarteten Forschungsprojekts wird die Bedeutung und Förderung von Emotionalität sein, die als zwischenmenschliche Basis manchmal sehr viel länger erhalten bleibt als das Gedächtnis. Sie kann in der Kunst mobilisiert werden und auch zwischen Patienten und Betreuern in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit Kunst und Design Genuss und Kreativität ermöglichen.

Mateus-Berr tritt der aktuellen Tendenz „l'art pour l'artist“ entgegen, wonach das Objekt keinen Wert habe, wenn man nicht den Künstler kennt. Für sie geht es vielmehr darum, „nicht den Künstler in den Mittelpunkt zu stellen, sondern sich weg vom Egozentrismus und hin zur Gesellschaft zu orientieren, wo wir als Künstlerinnen und Designerinnen eine Aufgabe wahrzunehmen haben.“

Unter dieser Prämisse hat sie bereits im Rahmen des Masterprogramms Feel Dementia Projekte von Cornelia Bast und Antonia Eggeling betreut, die Desorientierung und Irritation simulieren. Bast schuf einen Filzhelm mit verschiedenen Linsen. Er schränkt die Sicht ein und zeigt gleichzeitig unterschiedliche Bilder. In Eggelings Hörprojekt lösen verschiedene Töne, Informationen und Anweisungen Verwirrung aus. Beide Objekte machen die Situation von Demenzkranken für Außenstehende nachvollziehbar.

In Workshops mit Schulklassen wird in dem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt auch überprüft, ob so Mitgefühl für Demenzkranke wächst. Häufig berichten Schüler über Hilflosigkeit und das Gefühl, „einen Nervenzusammenbruch zu erleiden“, so Mateus-Berr. Auch die Architektin Elisabeth Haid, die Grafik-Designerinnen Pia Scharler und Tatia Skhirtladze schaffen künstlerische Interventionen, die berücksichtigen, was Demenzkranke und ihre Betreuer brauchen und was bei jungen Leuten Empathie auslöst.

Für Mateus-Berr liegt ein besonderer Reiz in den Verbindungen zur Medizin. Sie hat bereits an der App Interacct für krebskranke Kinder mitgearbeitet, die derzeit im St.-Anna-Kinderspital in Wien erprobt wird. Außerdem forschte sie zur Kunstfehlerkultur in der Medizin und visualisierte Interviews mit Ärzten und Patienten, die mit Kunstfehlern leben müssen.

LEXIKON

Demenz bezeichnet den Verlust von geistigen Funktionen wie Denken, Orientierung und Lernfähigkeit, Sprache, Auffassung und Urteilsvermögen. Die Alltagsbewältigung fällt schwer. Zurzeit zählt die Österreichische Alzheimer-Gesellschaft 100.000 Fälle. Bis 2050 sollen es 230.000 Demenzkranke sein. Jährlich wird etwa eine Milliarde Euro in Österreich für ihre Versorgung ausgegeben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2016)

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