Knochen und Zähne verraten das Alter

Zehntausende Jugendliche sind ohne Eltern – und oft auch ohne Ausweis oder Dokumente – nach Europa geflüchtet. Mit digitaler Bildgebung soll sich ihr Alter künftig ohne schädliche Röntgenstrahlung schätzen lassen.

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(c) Die Presse - Clemens Fabry

Rund 28 Millionen Kinder sollen weltweit auf der Flucht sein, davon 17 Millionen im eigenen Land und elf Millionen in der Fremde. Das belegt jedenfalls der kürzlich erschienene Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef mit dem Titel „Entwurzelt“. Demnach verlassen aber auch immer mehr Kinder die Heimat ohne ihre Eltern: Im vergangenen Jahr haben rund 100.000 unbegleitete Minderjährige in insgesamt 78 Ländern Asyl beantragt. Das sind drei Mal so viele wie im Jahr zuvor. Diese Kinder seien besonders von Armut und Missbrauch bedroht, warnt Unicef und fordert besseren Schutz.

Diesen muss ein Land laut UN-Kinderrechtskonvention unter 18-Jährigen auch zukommen lassen, und außerdem medizinische Hilfe und Bildung. Die Volljährigkeit entscheidet also ein Stück weit über die Chancen. Das Alter wird aber auch im Strafrecht zur Gretchenfrage: Mit 14 Jahren ist ein Jugendlicher strafmündig, muss sich also für Verfehlungen verantworten.

 

Alter lässt sich nur schätzen

Doch woher weiß man, wie alt jemand ist, der sich nicht ausweisen kann oder möchte? Im Zweifelsfall wird eine Altersfeststellung angeordnet. Dann schließen Gerichtsmediziner von der biologischen Entwicklung auf das Alter. Diese befassen sich – entgegen der landläufigen Meinung – nämlich nicht nur mit Toten, sondern auch mit Lebenden.

Weil sich Menschen, abhängig von Genen und Lebensstil, unterschiedlich entwickeln, lasse sich das Alter immer nur schätzen, erklärt Martin Urschler vom Ludwig-Boltzmann-Institut (LBI) für Klinisch-Forensische Bildgebung in Graz. Der Telematiker arbeitet im vom Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekt Fame in Kooperation mit Forschern der TU Graz an neuen Methoden zur Altersschätzung von Jugendlichen.

Denn die bisherigen Untersuchungen mittels Röntgen sind umstritten. Befürchtet werden Spätfolgen durch die Strahlung. „In Deutschland sind Untersuchungen mit ionisierender Strahlung bei Asylwerbern verboten. In Österreich sind diese erlaubt“, sagt Institutsleiterin Reingard Riener-Hofer, selbst Juristin.

Ziel der Forscher ist es, eine Alternative zu bieten: Sie wollen zeigen, dass sich strahlungsfrei gewonnene Befunde aus dem Magnetresonanztomografen (MRT) für die Altersschätzung eignen. Diese könnten durch ihre Dreidimensionalität überdies genauer sein als bisherige Befunde. Lag der Schätzfehler bisher bei einem dreiviertel Jahr, so ließe er sich durch die neuen Methoden auf ein halbes Jahr reduzieren, stellt Urschler in Aussicht. Die Wissenschaftler forschen seit sechs Jahren daran; im Vorjahr bekam das Thema durch die Flüchtlingswelle zusätzliche Brisanz.

 

Datenbank statt Atlas

Die Technologie neu, der Ansatz alt: Handknochen, Schlüsselbein und Weisheitszähne liefern seit jeher Indizien für das Alter eines Menschen. „Entscheidend ist neben dem Aussehen von Knochen und Zähnen vor allem der Status der Wachstumsfugen“, so Urschler. Diese schließen sich in körperfernen Regionen wie den Händen mit etwa 18 Jahren, in körpernahen mit etwa 20 Jahren. Momentan vergleicht ein Radiologe die Röntgenbilder mit einem Atlas von Aufnahmen verschiedener Altersstufen. Die Erfahrung des Mediziners beeinflusst dabei das Ergebnis.

Darauf lassen zumindest manche Studien schließen, auf die die Forscher verweisen: So kämen unterschiedliche Radiologen bei gleichen Patienten mitunter zu unterschiedlichen Ergebnissen. Und es sei auch schon vorgekommen, dass derselbe Mediziner eine Aufnahme einen Monat später anders bewertet. Eine Automatisierung soll mehr Objektivität bringen.

Dabei ersetzt eine Datenbank das bisherige Nachschlagewerk. Die Forscher haben für die Tests bereits 320 MRT-Datensätze 13- bis 23-jähriger Österreicher gespeichert. Der Computer lernt deren Muster und vergleicht sie jeweils mit neuen Daten. Das soll die Arbeit der Mediziner freilich nicht ersetzen; sie bekommen damit aber einen digitalen Assistenten, der sie in ihrem Urteil unterstützt.

Die Untersuchungen zeigen bereits, dass das System funktioniert. Bis es Eingang in die Praxis findet, wird es aber noch dauern: Denn bisher haben die Forscher nur MRT-Daten von Händen Jugendlicher verarbeitet: Sie ruhig zu halten sei einfacher, beim Schlüsselbein und bei den Zähnen können Bewegungsartefakte entstehen, die die Mustererkennung erschweren. Diese Auswertungen sollen aber folgen und letztlich zusammengeführt werden.

Außerdem will man künftig auch Angehörige anderer Ethnien testen, um Unterschiede festzustellen. Die Daten von Flüchtlingen helfen da wenig, weil ihr wahres Alter ja oft nicht bekannt ist.

Lexikon

Forensigrafie ist ein am Ludwig-Boltzmann-Institut für Klinisch-Forensische Bildgebung in Graz geprägter Begriff. Er beschreibt digitale bildgebende Verfahren, die helfen sollen, Gewaltverbrechen an Lebenden und Toten aufzuklären. Außerdem liefern diese von den Behörden benötigte Informationen wie Altersfeststellungen. Das interdisziplinäre Team aus Medizinern, Juristen, Technikern und Naturwissenschaftlern nutzt dazu vor allem Magnetresonanztomografie, Computertomografie oder 3-D-Oberflächenscanner. Die Erkenntnisse sollen mehr Rechtssicherheit bringen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2016)

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