Durch Biomarker die individuell beste Therapie erhalten

In der Bekämpfung von Krebs spielen Biomarker eine wichtige Rolle. Nun sollen sie automatisch analysiert werden, damit sie kostengünstig und bei vielen Patienten zum Einsatz kommen können.

Laborglaeser
Laborglaeser
Symbolbild Forschung – (c) Bilderbox

Mit Schutzhandschuhen, die bis über die Ellbogen reichen, arbeitet Wolfgang Wadsak an radiochemischen Versuchen an der Nuklearmedizin der Med-Uni Wien. Er greift in eine heiße Zelle mit einem Syntheseroboter, der im Prinzip all das kann, was auch ein vollständiges Labor kann: heizen, kühlen, umrühren, aufreinigen und mehr.

In dem Roboter entstehen Radiotracer, mit denen Tumoroberflächenmoleküle anvisiert werden können, damit sie im PET-Scan besser sichtbar werden. Der Forschungsschwerpunkt der Wissenschaftler der zwei CBmed Core Labs in Wien liegt zurzeit bei Prostata- und bei Darmkrebszellen, sowie bei Immun-Checkpoint-Inhibitoren.

Für Prostatapatienten ist ein großes Problem, dass der im Blut erhobene PSA-Wert (PSA steht für Prostata-Spezifisches Antigen) nur ungenaue Erkenntnisse über ein Tumorgeschehen ermöglicht. Um genauere Informationen zu erhalten, können Biomarker, wie PD-L1 (Programmierter Zelltod Ligand-1) oder PSMA (Prostata-Spezifisches Membran-Antigen) dienen. Sie treten sehr viel häufiger als Erkennungsmerkmal an der Oberfläche von Tumorzellen auf als bei normalen Zellen. Radioaktiv markierte Moleküle zeigen das punktgenau an. Es ist sogar möglich, Tumorzellen hier direkt von innen radioaktiv zu bestrahlen, erklärt Wadsak.

 

Gesamtheit der Proteine

Während an der Med-Uni Graz Forscher bereits in vier Core Labs arbeiten, wurde das zweite Wiener Core Lab nun an der Med-Uni Wien Anfang Juli gegründet. Es hat sich auf die Proteomik spezialisiert, das heißt auf die Analyse sämtlicher Proteine einer Zelle, um so die molekulare Charakterisierung kranken und gesunden Gewebes zu ermöglichen.

Dazu kooperieren Pathologen und Chirurgen, Bio- und Radiochemiker sowie Nuklearmediziner. Ihr Ziel ist es, Analysemethoden zu entwickeln, mit denen Tumorareale schnell und kostengünstig erkannt und analysiert werden können. Mit Biomarkern ist die Identifizierung von Zellen und Stoffwechselprozessen idealerweise ohne Biopsie, also ohne einen Eingriff, möglich.

Zigtausende von Paraffinproben können in den Labors ausgewertet werden, auch um neue Biomarker zu finden, die möglicherweise vielen Tumoren gemeinsam sind. Der klinische Pathologe Lukas Kenner, der die Abteilung für experimentelle Pathologie und Labortierpathologie der Med-Uni Wien leitet, ist stolz darauf, dass der große Schatz von Informationen und Gewebeproben, über den die Med-Uni Wien aus Jahrzehnten verfügt, dafür genutzt werden kann. „Die Industrie hat nicht die Gewebe, sie hat nicht die Patienten und die Krankengeschichten, und sie hat nicht die Expertise mit den Patienten und Geweben umzugehen und das Zusammenspiel zu ermöglichen“, beschreibt Kenner.

Am Klinischen Institut für Pathologie der Med-Uni Wien werden winzige Stücke Tumorgewebe in Paraffin eingebettet und die Tumorareale mit Antikörpern eingefärbt. „Durch sein Proteinprofil unterscheidet sich das Tumorgewebe von gesundem Gewebe. Es kann am Computer bis hin zur Einzelzelle sichtbar gemacht und mit der Massenspektrometrie gemessen werden, die hier zur Verfügung steht“, berichtet Brigitte Hantusch, Proteomics-Projektleiterin. In biomedizinischen Labors wird dann versucht, einzelne Tumorzellen aus dem Gewebe herauszulösen. Rudolf Oehler und Gerald Stübiger wenden eine Methode an, Gewebe oder Flüssigkeiten ohne Verwendung von Antikörpern zu analysieren. Mit einer Software-gesteuerten Glaskapillare werden am Gewebeschnitt selektiv die Tumorzellen aufgelöst, anschließend mit einem Lösungsmittel aufgesaugt und dann analysiert.

 

Immuntherapie verbessern

„So können gleichzeitig viele verschiedene Proben miteinander verglichen und möglicherweise wichtige Biomarker gefunden werden“, kündigt Oehler an. Die Immuntherapie, die beispielsweise bei Schwarzem Hautkrebs (Melanom) angewendet wird, ist zurzeit noch sehr teuer. Sie hilft nur einem Teil der Patienten. „Wenn Biomarker im Voraus anzeigen, ob eine Therapie wirkt, bringt das enormes Einsparungspotenzial, weil nur die Menschen die Behandlung bekommen, für die sie geeignet ist“, erklärt Wadsak abschließend.

LEXIKON

Biomarker sind charakteristische biologische Merkmale, die als Indikatoren dienen. Biomarker können Zellen, Gene, Proteine oder bestimmte Enzyme oder Hormone sein, die biologische oder krankhafte Prozesse im Körper erkennen lassen.

Die CBmed Gmbh ist ein im Comet-Programm von Wissenschafts- und Technologieministerium gefördertes Kompetenzzentrum für Biomarkerforschung in der Medizin. Insgesamt gibt es bereits sechs Core Labs der CBmed.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2016)

Kommentar zu Artikel:

Durch Biomarker die individuell beste Therapie erhalten

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen