Sensoren und Tablet statt Altersheim

Salzburger Forscher entwickeln altersgerechte Assistenzsysteme, die Senioren das selbstbestimmte Leben in den eigenen vier Wänden erleichtern. Ein Besuch in der Testwohnung.

Senioren nutzen Sensoren wie diese Smartwatch, die eine Funktion für Notrufe eingebaut hat.
Senioren nutzen Sensoren wie diese Smartwatch, die eine Funktion für Notrufe eingebaut hat.
Senioren nutzen Sensoren wie diese Smartwatch, die eine Funktion für Notrufe eingebaut hat. – (c) Salzburg Research

Auf den ersten Blick ist es eine ganz normale Kleinwohnung: Vorraum, Küche, Wohnraum, Balkon. Doch wenn man genauer hinschaut, sieht man ein paar weiße Kästchen an den Fenstern oder einen Zusatzstecker an der Kaffeemaschine. Hinter diesen unscheinbaren Dingen stecken innovative Technologien, die Menschen im Alter das selbstbestimmte Leben erleichtern sollen.

Die barrierefreie Garçonnière im Salzburger Stadtteil Itzling ist eine Musterwohnung des Forschungsprojektes ZentrAAL. Darin wird gemeinsam mit dem Partner ilogs ein einfach nachrüstbares Softwaresystem entwickelt und getestet. Ziel ist, dass ältere Menschen möglichst lange bei guter Lebensqualität in ihren eigenen vier Wänden bleiben können.

Kleine Erinnerungsstützen sind dabei ebenso ein Thema wie Unterhaltung oder die Motivation zu mehr Bewegung. „Wir wollen unterstützen, nicht bevormunden“, sagt ZentrAAL-Projektleiterin Cornelia Schneider von der Salzburg Research Forschungsgesellschaft. Die Technologie passt sich den Nutzern an und nicht umgekehrt. Insgesamt machen in dem Projekt 60 Frauen und Männer zwischen 60 und 82 Jahren als Tester und Ideengeber mit. Sie leben in betreuten Wohnungen des Hilfswerks Salzburg im Salzburger Zentralraum und in den Gebirgsgauen.

 

Prüfen, ob der Herd aus ist

In den kleinen Kästchen an den Fenstern und Balkontüren verbergen sich beispielsweise Sensoren. Die Testpersonen haben ein mobiles und ein bei der Wohnungstür angebrachtes stationäres Tablet. Geht man aus dem Haus, lässt sich auf dem Display schnell noch überprüfen, ob alle Fenster und Türen geschlossen sind. Auch ob der Herd abgeschaltet ist, klärt ein Blick auf den kleinen Bildschirm. Nach einer bestimmten Zeit schaltet sich der Herd aber ohnehin automatisch ab.

„Das brauche ich doch noch nicht“, ließ eine Teilnehmerin bei einem Gruppentreffen die Projektverantwortlichen wissen. „Doch dann hat sie am Display ihres Tablets gesehen, dass der Herd noch heiß ist und sich lachend an die Suppe, die sie gekocht hatte, erinnert“, erzählt Schneider schmunzelnd. Sicherheit steht im Fokus des Projektes.

 

Display zeigt, wer anläutet

„Wir haben einige mögliche Testpersonen gefragt, was ihnen am meisten helfen würde“, berichtet die Projektleiterin über den Beginn. Dabei kamen Ideen, die nicht im Fokus der wesentlich jüngeren Entwickler gestanden hatten. Wie beispielsweise ein elektronischer Türspion mit Kamera, der auf dem Display anzeigt, wer draußen geläutet hat. „Für kleine Menschen oder Rollstuhlfahrer ist der Spion an der Wohnungstür viel zu hoch, sie können gar nicht sehen, wer draußen ist“, weiß Schneider mittlerweile. Da ist es hilfreich, wenn man am Bildschirm kontrolliert, wem man die Tür aufmachen soll.

Der eigenen Sicherheit dient auch ein Zusatzstecker an einem häufig genutzten elektronischen Gerät in der Wohnung. Ob das Kaffeemaschine, der Wasserkocher oder die Stehlampe beim Bett ist, entscheidet der Bewohner. Der Zusatzstecker sendet die Information, dass das Gerät benützt wurde, an die Projektzentrale. Gibt es über längere Zeit keine Aktivität, wird jemand verständigt, um nachzusehen, ob alles in Ordnung ist.

Intelligente Sensoren sind die eine Seite des Projekts. Die Software zur Unterstützung oder Aktivierung der älteren Menschen die andere. Da gibt es eine Notruftaste für schnelle Hilfe. Unter der Rubrik „Meine Termine und Erinnerungen“ können Verabredungen, Kurse oder Arzttermine eingetragen und verwaltet werden. Der Computer erinnert automatisch an den Termin oder schlägt Aktivitäten in der Hausgemeinschaft vor. „Meine Fitness“ bietet verschiedene Gymnastikübungen, die mit kurzen altersgerechten Videos erklärt werden. Wer die dazu passende Smartwatch verwendet, kann sich dem Trend der Selbstvermessung anschließen oder ein GPS-Track der Wanderung erstellen. Die Übungen wurden gemeinsam mit Sportwissenschaftlern der Uni Salzburg ausgewählt. Sie sollen dazu beitragen, dass die Senioren ihre Fitness erhalten oder sogar verbessern.

Auch der Wunsch nach einer Rubrik mit Spielen und Unterhaltung kam von den Testpersonen, erzählt Schneider. Das reicht von Sudoku über regionale Nachrichten bis hin zum regelmäßigen Telefonat via Skype mit den Enkeln.

 

Menschen früh einbinden

„Unser Ansatz ist es, die Leute möglichst früh einzubinden. Dann sind sie mit der Technik vertraut, wenn sie diese brauchen“, erläutert Schneider. Bei dem Pilotversuch, der noch bis Mitte 2017 läuft, soll gemeinsam mit dem Institut für Altersökonomie der WU Wien herausgefunden werden, welche Unterstützungen angenommen werden, wie wirksam beispielsweise die Fitnessangebote sind und welche Dinge keine Akzeptanz finden.

Ziel ist es, eine leicht nachrüstbare Technologie zur Marktreife zu bringen, um das alltägliche Leben älterer Menschen situationsabhängig und unaufdringlich zu unterstützen.

LEXIKON

ZentrAAL steht für Zentrum für Active & Ambient Assisted Living. Es geht um altersgerechte Assistenzsysteme für ein selbstbestimmtes Leben. Salzburg ist seit 2015 Modellregion für altersgerechte Assistenzsysteme. Bei ZentrAAL arbeiten die Salzburg Research Forschungsgesellschaft, Salzburger Hilfswerk, WU Wien, ilogs mobile software GmbH, Salzburg AG, Salzburg Wohnbau, Uni Salzburg und FH Kärnten zusammen. Die Initiative wird u. a. vom Technologieministerium gefördert.

Die Musterwohnung kann nach Anmeldung jeweils dienstags von 10 bis 11 Uhr besichtigt werden (0662/2288-0 oder info@salzburgresearch.at).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.10.2016)

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