Philosophicum: Der faule Gott schaut zu

Liessmann und Köhlmeier lockten nach Lech. Dort geht es heuer im September um Arbeit und Faulheit.

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Michael Köhlmeier.
Michael Köhlmeier. – (c) imago/Horst Galuschka (imago stock&people)

Was tat Gott, bevor er Himmel und Erde schuf? Er wolle auf diese schwierige Frage nicht mit einem Scherz antworten („Er bereitete Höllen für die, die so hohe Geheimnisse ergründen wollen“), erklärte Augustinus in seinen „Confessiones“. Seine Antwort ist ernst, radikal: „Bevor Gott Himmel und Erde schuf, tat er nichts.“ Mehr noch: Es habe vor der Schöpfung gar keine Zeit gegeben. (Das sehen die Kosmologen heute ganz ähnlich.)

Und was tat Gott nach der Schöpfung? „Am siebten Tage ruhte er von allen seinen Werken“, steht in der Genesis. „Man kann auch sagen: Gott ist faul, er hat die Welt geschaffen, seitdem tut er nichts mehr“, meinte Michael Köhlmeier im Wiener Mumok bei seinem traditionellen literarisch-philosophischen Duett mit Konrad Paul Liessmann, das vom letztjährigen Philosophicum Lech zu heurigen eine Brücke schlagen soll. 2016 war das Thema „Über Gott und die Welt“, heute lautet es „Mut zur Faulheit – Die Arbeit und ihr Schicksal“. Die Brücke liegt nahe: Der faule Gott.

 

Die hundert Vorzimmer Gottes

Was ist das für ein Gott, der in diese elende Welt nicht eingreift? Als diese Anklage lässt sich das alte Problem der Theodizee, der Rechtfertigung Gottes, ausdrücken. Spätestens nach Auschwitz könne man an einen solchen Gott nicht glauben, sagte Günther Anders. Hans Jonas fand einen nicht atheistischen Ausweg: Gott sei nicht allmächtig, er sei schwach, auf die Unterstützung der Menschen angewiesen. Köhlmeier – der, so Liessmann, „alle Götter kennt wie kein anderer“ – schlug in seiner Märchenerzählung eine wieder andere Sicht vor: Gott wollte seine Ruhe haben, habe sich hinter hundert Vorzimmern vor dem Bitten und Beten der Menschen abgeschirmt. Als Verwalter und Nachbesserer habe er den Tod eingesetzt, der ständige Neustarts in Form neuer Geburten ermöglicht. Als eine Frau namens Charlotte partout nicht akzeptieren will, dass der Tod ihren Mann Eduard holt, bringt dieser den Teufel als Geschäftspartner ins Spiel . . .

Und dieser ist nicht faul, er schläft nicht, er ist rund um die Uhr erreichbar, erklärte Liessmann und mahnte die Zuhörer: „Seien Sie nicht rund um die Uhr erreichbar! Sonst sind Sie schon vom Teufel infiziert.“ Das Nichteingreifen Gottes könne man aber auch als notwendige Voraussetzung für die Freiheit des Menschen sehen: „Damit jemand frei sein kann, muss ein anderer faul sein.“ (tk)

21. Philosophicum Lech: 20.–24. September, es sprechen u. a. der Theologe Ulrich Körtner (über das protestantische Arbeitsethos) und der Physiker Ulrich Schnabel („Die Mußemaschine. Vom Ende der künstlichen Intelligenz“).
Buch: Der Tagungsband mit allen Vorträgen des 20. Philosophicums („Über Gott und die Welt“) ist bei Zsolnay erschienen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2017)

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