Swarmageddon: Heer der Zikaden rückt zu früh an

Alle 17 Jahre quellen sie in den USA aus der Erde. 2021 wäre das nächste Stichjahr, aber sie kommen schon.

Die Zikaden in den USA.
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Die Zikaden in den USA.
Die Zikaden in den USA. – (c) APA

Als das Heer der Insekten zum vorvorletzten Mal aus dem Boden stieg und seinen infernalischen Lärm anhob, auch um die Princeton University herum, da klang es einem wie eine eigens für ihn gezirpte Hausmusik: „Yeah, the locusts sang and were singing for me.“ So besang es Bob Dylan („Day of the Locusts“), der nie gern Ehrungen entgegennahm, als Freunde ihn überredet hatten, den Ehrendoktor von Princeton nicht auszuschlagen, das akustische Toben der Natur tröstete ihn über die Zeremonie hinweg.

Natürlich wusste er, dass die Musikanten keine Heuschrecken waren, sondern Zikaden, in den USA weiß jedes Kind, dass es vielleicht fünf, sechs Mal im Leben in den Genuss kommt oder, je nach Gehör, die Belästigung erleiden muss: Zikaden verbringen fast ihr ganzes langes Leben in der Erde, nach 17 Jahren – andere nach 13 – kommen sie so massenhaft, dass man es Swarmaggedon nennt. 1970 kam um Priceton herum die „Brut X“. Sie hat den Namen davon, dass es auch andere Bruten gibt, V etwa oder VII, auch sie kommen im 17-Jahres-Rhythmus, aber in anderen Teilen des Landes.

 

Reproduktion nach Primzahlen?

Aber X passt auch gut zum rätselhaften Verhalten der Zikaden: Im Boden ernähren sie sich von Wurzeln, sie richten nicht viel an, das tun sie auch nicht, wenn sie heraussteigen, sie häuten sich, heiraten, legen Eier in Baumrinden und sterben. Nur: Warum alle 17 Jahre, oder alle 13? Beides sind Primzahlen, das regte die Spekulation an, sie kämen ans Licht, wenn ihre Feinde zufällig gerade nicht zahlreich sind, niemand sonst vermehrt sich in einem solchen Rhythmus. Die Idee stammt zwar von Stephen Jay Gould, hat aber doch wenig für sich, weil das Manna aus dem Boden selbst von den blühendsten Fraßfeinden – Vögel, Eichhörnchen – nicht bewältigt werden kann.

Eine zweite Spekulation geht darauf, dass etwas im Boden den Rhythmus steuert, das Nahrungsangebot etwa. Dort sucht man auch den Grund für das jüngste Rätsel: Das nächste Stichjahr für die „Brut X“ wäre 2021. Sie kommt aber jetzt schon, zumindest ihre Avantgarde tut es. Vielleicht liegt es an der durch die Erwärmung verlängerten Vegetationsperiode.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2017)

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