„Die Kinder fragen sofort nach“

Wer an der Kinder-Uni unterrichtet, muss genau wissen, was seine Forschung bringt. Vor 15 Jahren hat Karoline Iber das Projekt an der Uni Wien gestartet. Nicht ganz ohne Angst.

Kinderbüro-Chefin Karoline Iber im Hörsaal B auf dem Campus der Uni Wien. Im Juli werden den Hörsaal einige Hundert Jungstudenten stürmen.
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Kinderbüro-Chefin Karoline Iber im Hörsaal B auf dem Campus der Uni Wien. Im Juli werden den Hörsaal einige Hundert Jungstudenten stürmen.
Kinderbüro-Chefin Karoline Iber im Hörsaal B auf dem Campus der Uni Wien. Im Juli werden den Hörsaal einige Hundert Jungstudenten stürmen. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Vor der ersten Kinder-Uni war Karoline Iber nervös. In das Hauptgebäude der altehrwürdigen Universität Wien sollten plötzlich Hunderte Kinder kommen. „Ich habe gefürchtet, dass sich da jemand gestört fühlen könnte – die Wissenschaftler in den Büros, die Studierenden in der Bibliothek“, erzählt sie. „Ich habe an alle meine Handynummer verteilt. Nachdem sich die ganze Woche lang niemand gemeldet hat, dachte ich: Jetzt kommt es wahrscheinlich.“ Etwas kam dann tatsächlich, aber anders: Viele fanden diese neue Stimmung einfach schön.

Man schrieb das Jahr 2003. Es war die Zeit der großen Uni-Reformen, die nicht alle ganz ohne Schwierigkeiten über die Bühne gingen. Die Universitäten wurden autonom, die Med-Unis ausgegliedert. Kurz davor waren unter Schwarz-Blau Studiengebühren eingeführt worden. „Das Bild der Universitäten war ein sehr strittiges“, sagt Iber. Im Büro des damaligen Rektors, Georg Winckler, war sie für Innovationen zuständig. Und sollte sich in dieser Situation ein neues Projekt überlegen, bei dem es um Menschen geht. „Mein Auftrag war: Denken Sie sich etwas aus!“

Gesagt, getan. Die 46-Jährige, die an der Uni Wien zuvor schon die Informationsstelle Studentpoint entwickelt hatte („Davor gab es nur die Studienabteilung“), überlegte sich etwas mit Kindern. Mehrere Stränge seien da zusammengelaufen, schildert Iber. Ihre Ausbildung – sie hat Pädagogik studiert – und auch ihre eigene Geschichte: „Ich war zum ersten Mal mit über 20 an der Uni. Da war so viel neu, anders und fremd – aber gleichzeitig aufregend. Ich habe mir immer gewünscht, dass ich meiner Familie und dann vielen anderen zeigen kann, was Uni ist.“

Konkretisiert hat sich die Idee für die Kinder-Uni dann wegen einiger anderer Gedanken: Viele Räume an der Universität stehen im Sommer leer. Familien suchen gleichzeitig für ihre Kinder in den Ferien ein Programm. „Daraus wurde dann: Machen wir doch ein Wissenschaftsprojekt für Kinder.“ Woraufhin rund 1000 Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren die Uni stürmten.

Was da genau passieren sollte, dafür gab es zunächst kaum Vorbilder. „Bei der Recherche sind wir draufgekommen, dass es in Innsbruck so etwas Ähnliches gibt, und – in kleinerem Stil – auch an der Uni Tübingen.“ Heute gibt es in fast allen Bundesländern Kinderuniversitäten. Es gibt ein internationales Netzwerk, das vom Kinderbüro der Universität Wien getragen wird, das Iber aufgebaut hat. Allein in Wien waren vergangenen Sommer 4000 Kinder dabei. Und jeder fünfte Österreicher hat laut einer Studie des Publizistikinstituts bereits von der Kinder-Uni gehört.


Inflation per Goldesel. Im ersten Jahr stellte sich auch Rektor und Volkswirt Winckler den Kindern („Warum gibt es Geld, und warum möchten alle viel davon haben?“). „Er hat unter anderem anhand des Märchens vom Goldesel Inflation erklärt“, erinnert sich Karoline Iber schmunzelnd. Und er hatte Lampenfieber. „Er war Rektor, er war in ganz Europa unterwegs als Experte – aber vor seiner Kindervorlesung war er so nervös.“ Tatsächlich mache die Kinder-Uni auch mit den Forschern etwas: „Man muss sich seines Fachs hundertprozentig gewiss sein und sich die Frage stellen: Wofür ist das gut, was ich da forsche?“, sagt sie. „Das muss man als Wissenschaftler nicht oft erklären – die Kinder fragen das aber sofort nach.“

Besonders spannend werde es für viele Kinder dann, wenn es um Dinge geht, die noch nicht erforscht sind, um unbeantwortete Fragen. „Ich erinnere mich gut an den Vortrag einer Onkologin bei der Kinder-Uni. Als sie erklärt hat, was man über Krebs noch nicht weiß, hat sich ein Kind umgedreht und gesagt: ,Wir haben noch viel zu tun‘“, schildert die Kinder-Uni-Chefin. „Kinder werden in der Schule und auch sonst immer mit Wissen konfrontiert, das sie aufnehmen sollen – und selten mit Fragen, die wirklich offen sind.“

Karoline Iber hält auch selbst immer wieder Kindervorlesungen – einmal etwa zum Thema Armut. Ein zehnjähriger Bub aus einer relativ wohlhabenden Familie sei nach dieser Lehrveranstaltung regelrecht empört gewesen. „Niemand hat ihm je gesagt, dass es andere Kinder gibt, denen es nicht so gut geht wie ihm“, erzählt Iber. „Das hat den Buben extrem bewegt. Er war richtig sauer. Und wollte dann unbedingt auch etwas dafür tun, dass es anderen, ärmeren Kindern besser geht.“

Das ist auch ein wichtiger Punkt für die Kinder-Uni. Soziale Inklusion ist ein Kriterium, das für eine finanzielle Förderung durch das Wissenschaftsressort erfüllt sein muss. „Österreich ist eines der wenigen Länder, in denen es für Kinder-Unis eine öffentliche Förderung gibt“, so Iber. Mit dem Tagesticket bietet die Kinder-Uni Wien etwa seit 2010 ein ganztägiges Rundumpaket für Kinder aus bildungsfernen und ärmeren Familien an – inklusive Abholung und Mittagessen. Denn tendenziell würden von dem Projekt eher die ohnehin bildungsaffinen Familien Gebrauch machen. „Die Kinder-Uni soll aber wirklich für alle da sein.“


Erinnerung an den alten Hörsaal. Ihr sei von Anfang an wichtig gewesen, dass auch Familien, für die die Universität noch ganz fremd ist, ein Bild davon bekommen, wie spannend dieser Ort sein könne, sagt Iber. „Und dass sie sehen, wie begeistert die Kinder von neuem Wissen und vom Lernen sein können.“

Auch nach 15 Jahren sieht man Karoline Iber – die selbst übrigens keine Kinder hat („Ich bin eine glückliche kinderlose Frau“) – die Begeisterung für das Projekt an. Befeuert werde diese unter anderem durch Rückmeldung ehemaliger Teilnehmer. „Unlängst hat mir eine junge Frau geschrieben, dass sie jetzt als erwachsene Studentin in den Hörsaal zurückgekommen ist, den sie bei der Kinder-Uni kennengelernt hat. Das ist schon berührend.“

Kinder-Uni Wien

2003 fand an der Uni Wien erstmals die Kinder-Uni Wien für Sieben- bis Zwölfjährige statt.

4000 Kinder nahmen im vorigen Sommer an der Kinder-Uni Wien teil. Dabei sind sechs Universitäten und eine Fachhochschule.

Rund 600 Forscher halten heuer von 10. bis 22. Juli 439 Lehrveranstaltungen ab.

Ab 12. Juni kann man sich online für die Kinder-Uni anmelden. Die Registrierung läuft ab dem 1. Juni.

Schwerpunkte sind u.a.: Gesundheit aus dem Labor (Uni Wien), Leben retten (Med-Uni) oder Nachhaltigkeit (Boku).

Das Programm der Kinder-Uni Wien ist auf kinderuni.at zu finden. Die Teilnahme ist kostenlos.

Kinder-Unis gibt es mittlerweile nicht nur in Wien, sondern in fast allen Bundesländern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2017)

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