Das Vieh und der liebe Bauer

Verhaltensbiologin Stephanie Lürzel untersucht, wie Streicheln auf Kühe wirkt. Sie zeigt, dass alle Seiten davon profitieren: Die Tiere wachsen besser und geben mehr Milch.

Was Klinikbesuchern verboten ist, sollte im Stall an der Tagesordnung stehen: Streicheln. Stephanie Lürzel fand heraus, dass die Kühe das auch danken.
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Was Klinikbesuchern verboten ist, sollte im Stall an der Tagesordnung stehen: Streicheln. Stephanie Lürzel fand heraus, dass die Kühe das auch danken.
Was Klinikbesuchern verboten ist, sollte im Stall an der Tagesordnung stehen: Streicheln. Stephanie Lürzel fand heraus, dass die Kühe das auch danken. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wir Menschen haben häufig die Angewohnheit, ein Tier mit Fell streicheln zu wollen, sobald wir es entdecken. Beim Anblick einer Kuh im Stall kommt dieser Gedanke wohl etwas seltener. Doch auch eine Kuh ist Streicheleinheiten durchaus nicht abgeneigt. Landwirte, die dies beherzigen, haben ruhigere und weniger aggressive Kühe im Stall oder auf der Weide. Das besagen jedenfalls die neuesten Forschungsergebnisse der Verhaltensbiologin Stephanie Lürzel. Seit nunmehr fünf Jahren widmet sich die 37-Jährige als Postdoktorandin am Institut für Tierhaltung und Tierschutz der Vet-Med-Uni Wien der sogenannten „Wohlergehensforschung“ – in ihrem Fall der Mensch-Kuh-Beziehung.

Ein heller, moderner Stall mit großen Liegeboxen und genügend Auslauf: „Das nützt alles nichts, wenn die Stallmitarbeiter mit den Kühen nicht gut umgehen. Wenn die Kühe sich vor ihnen fürchten, haben sie trotzdem kein gutes Wohlergehen“, sagt Lürzel. Schon während ihres Biologiestudiums an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in Deutschland wurde ihr klar, dass sie im Bereich der Tierschutzforschung arbeiten wolle.

 

Spätpubertierende Meerschweinchen

Doch zunächst machte sie mit ihrer Dissertation einen kleinen Umweg. Sie erforschte die Stressreaktion männlicher, spätpubertärer Meerschweinchen in einer unbekannten Umgebung. Waren dies Männchen, die ursprünglich nur paarweise mit einem Weibchen gehalten wurden, stieg das Stresshormon Cortisol stark an. Waren die Tiere jedoch große gemischtgeschlechtliche Gruppen gewohnt, gab es kaum einen Anstieg. Die Forscherin konnte nachweisen, dass der Testosteronspiegel der gruppengehaltenen Männchen grundsätzlich höher liegt und infolge auch weniger Cortisol ausgeschüttet wird. Lürzel bewies damit, „dass die Sozialisierung einen starken Effekt auf die Stressreaktion hat“.

An einem Freitag feierte sie den erfolgreichen Abschluss ihres Doktoratsstudiums, am darauffolgenden Montag bekam sie die telefonische Einladung an die Vet-Med-Uni Wien. Seither konnte sie mit ihrer Forschung wegweisende Erkenntnisse für die Rinderhaltung gewinnen. Das Forscherteam führte ein Experiment an 104 Kälbern durch, an einem großen Milchviehbetrieb in Ostdeutschland. Etwa die Hälfte der Tiere wurde in den ersten zwei Wochen täglich drei Minuten lang am unteren Hals gestreichelt, die andere Hälfte nicht. Aufgrund von Betriebsumstellungen wurde ein Teil der Kälber eine Woche länger mit mehr Milch gefüttert. „Bei genau dieser Gruppe zeigte sich, dass die gestreichelten Kälber ein stärkeres Wachstum aufwiesen als die nicht gestreichelten Kälber“, sagt Lürzel. Die Schlussfolgerung ist für Landwirte, wirtschaftlich betrachtet, spannend: Streichle dein Kalb, gib ihm mehr Milch zu trinken, und es wird besser wachsen und – laut anderer Studien – als Kuh auch mehr Milch geben.

In ihrer aktuellen Untersuchung führten die Verhaltensforscherin und ihr Team ein Experiment an Milchkühen durch. Dabei verhielt sich ein Experimentatorenteam beim Melken in einer Positivphase sehr nett zu den Kühen, sprach ruhig mit ihnen und streichelte sie. In der anschließenden Negativphase stresste es die Kühe, etwa durch Schlagen mit Stöcken auf den Boden.

Mit spannendem Ausgang: Nach der positiven Phase verhielten sich die Kühe wesentlich freundlicher zueinander als in der vor dem Experiment und in der negativen Phase. „Das heißt, wenn man sich selbst beim Melken den Kühen gegenüber ruhig und freundlich verhält, verhalten sich die Kühe später auch gegenüber ihren Herdengenossinnen ruhig und freundlich“, so Lürzel. Und das ist etwas, was der Landwirt schließlich haben möchte, denn durch ruhige Kühe sinkt auch die Verletzungsgefahr für Mensch und Tier.

„Je länger ich zur Mensch-Tier-Beziehung arbeite, desto wichtiger empfinde ich es, weil es etwas ist, was gern mal vernachlässigt wird“, sagt die gebürtige Duisburgerin. Für ihr eigenes Wohlergehen sorgt sie, indem sie mit Freunden Folkmusik spielt, nämlich auf der irischen Holzquerflöte, oder bei Bal-Folk-Veranstaltungen (Volkstanzabend, Anm.) tanzt.

ZUR PERSON

Stephanie Lürzel, geboren 1980, stammt aus Duisburg in Deutschland. Sie absolvierte das Diplomstudium der Biologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Dort schloss sie 2011 am Institut für Neuro- und Verhaltensbiologie ihr Doktoratsstudium ab. Seit 2012 forscht sie als Universitätsassistentin am Institut für Tierhaltung und Tierschutz der Vet-Med-Uni Wien. Ihr Schwerpunkt ist die Wohlergehensforschung.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2017)

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