Klären, wie Spermidin das Herz elastisch macht

Sperma als Jungbrunnen? Die Substanz, die Herzen langsamer altern lässt, ist auch in Nüssen, Brokkoli oder Erbsen enthalten. Nun untersuchen Forscher, wie Spermidin eine Versteifung des Herzmuskels verhindert.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) imago/Westend61 (ZoneCreative)

Erwiesen ist: Fasten und Bewegung können das Leben verlängern und sich positiv auf die Herzfunktion auswirken. Gibt es aber Alternativen zu Kalorienreduktion und Sport, die ähnlich schützende Effekte auf die Herzgesundheit haben? Mehr Licht in diese Frage will das multidisziplinäre Forschungsprojekt Minotaur (Metabolic Therapy for Managing Diastolic Heart Failure) unter der Leitung der Med-Uni Graz bringen.

Minotaur ist jetzt angelaufen und für drei Jahre anberaumt, Wissenschaftler aus Deutschland, Portugal, Frankreich, Spanien und der Schweiz nehmen ferner daran teil. Gefördert wird es vom Wissenschaftsfonds FWF und Geldgebern aus den Partnerländern.

 

Mäuse leben länger

Projektkoordinator Simon Sedej von der klinischen Abteilung für Kardiologie an der Med-Uni Graz sagt: „In einem bereits abgeschlossenen Projekt haben wir zusammen mit Frank Madeo von der Uni Graz zeigen können, dass Mäuse länger leben und ihre Herzen langsamer altern, wenn man ihnen die natürliche Substanz Spermidin füttert. Spermidin erhöht die Elastizität des Herzens. Somit kann sich das Herz zwischen den Schlägen mehr entspannen und mit mehr Blut füllen.“

Spermidin, ein Polyamin, das in höchster Konzentration im Sperma vorkommt, ist in jeder Körperzelle enthalten, aber auch in einigen Nahrungsmitteln. Etwa in Nüssen, Brokkoli, gealtertem Käse (z. B. Cheddar), Erbsen oder fermentierten Sojabohnen.

Die aktuell angelaufene Studie soll nun klären, auf welchem Weg Spermidin die Steifigkeit des Herzens reduziert und ob die Wirkung auch nachhaltig ist. Sedej: „Spermidin aktiviert Autophagie, also jenen Selbstreinigungsprozess in den Zellen, der beschädigte Mitochondrien, langlebige potenziell toxische Proteine und anderen Zellmüll abbaut und wiederverwertet. Das genau passiert ja auch beim Fasten. Dessen Effekte kann Spermidin auf zellulärer Ebene imitieren.“

Ungeklärt ist allerdings, so Sedej, ob Spermidin die Elastizität des Herzens mittels Autophagie verbessert oder ob andere Prozesse beteiligt sind. Experimente an der Med-Uni Graz werden mit klinisch relevanten Tiermodellen durchgeführt, die an Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, Übergewicht und erhöhtem Fettspiegel im Blut leiden. All diese Risikofaktoren können zu einer Versteifung des Herzmuskels und darüber hinaus zur diastolischen Herzinsuffizienz führen.

 

Wirksame Therapie finden

Gegen diastolische Herzmuskelschwäche, die vor allem ältere Personen betrifft und an der allein in Europa rund 6,5 Millionen Menschen leiden, gibt es derzeit noch keine wirksame Therapie. „Es wurde bereits mehrfach gezeigt, dass Gewichtsreduktion die diastolische Herzfunktion bei übergewichtigen Patienten mit Herzmuskelschwäche deutlich verbessern kann“, sagt Sedej.

Die Kehrseite der Medaille: Gerade ältere Personen sollten sich nicht langandauernden Diäten unterziehen – Fehlernährung und Gesundheitsschäden drohen.

Ein möglicher Ausweg zum Fasten: Spermidinreiche Nahrung und Spermidin-Extrakte könnten auch beim Menschen gegen die Steifigkeit des Herzens und somit auch gegen Herzinsuffizienz hilfreich sein.

Bestätigt wurde bereits: Menschen, die spermidinreiche Nahrung zu sich nehmen, haben einen niedrigeren Blutdruck und ein verringertes Risiko für Herzkreislauferkrankungen. „Allerdings wurde eine Kausalität bislang noch nicht nachgewiesen“, betont der Wissenschaftler.

Auch zur Klärung dieser Frage könnte Minotaur einen wichtigen Beitrag leisten. Mit großer Sicherheit wird das Projekt auch zu einem besseren Verständnis der diastolischen Herzinsuffizienz beitragen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.06.2017)

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