Die große Zeit der Musikmaschinisten

Spieluhren nach „Art der Schweizer“ wurden auch in Prag und Wien produziert. Auf den Stahlwalzen musste die Melodie auf unter eine Minute komprimiert werden.

Präzise abgestimmte Zähne des Stahlkamms: Drei-Melodien-Werk von J. Olbrich (Wien) mit 12,8-cm-Walze in einer Kassette.
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Präzise abgestimmte Zähne des Stahlkamms: Drei-Melodien-Werk von J. Olbrich (Wien) mit 12,8-cm-Walze in einer Kassette.
Präzise abgestimmte Zähne des Stahlkamms: Drei-Melodien-Werk von J. Olbrich (Wien) mit 12,8-cm-Walze in einer Kassette. – (c) Kowar, ÖAW

„Vor dem Frühstück tanzten Bubi und ich einen G'strampften nach einem deliciösen steyrischen Ländler in einem Musikkästchen.“ Der Brief von Erzherzogin Sophie, der Mutter von Franz Joseph I., aus dem Jahr 1851 zeigt offensichtlich die Beliebtheit der mechanischen Musik nicht nur in bürgerlichen Bevölkerungsschichten, sondern auch in den höchsten Kreisen der Habsburgermonarchie. Und Bubi – das war ihr damals neunjähriger Sohn Erzherzog Ludwig Viktor, der jüngste Bruder des im Dezember 1848 gekrönten Franz Joseph I.

Die Musikkästchen waren mit einem Uhrwerk verbunden und wurden als Spieluhr oder Spieldose hergestellt. „Im 19.Jahrhundert waren diese Spieluhren eine Modeerscheinung, sie waren kostengünstig erhältlich, konnten aber auch als Schmuckstücke gefertigt und unglaublich teuer sein“, erläutert Musikwissenschaftler Helmut Kowar. Der Direktor des Phonogrammarchivs der Akademie der Wissenschaften hat nun im Rahmen der Forschungen zu historischen Musikautomaten eine Dokumentation über in Prag und Wien erzeugte Spielwerke vorgelegt.

 

Erste Präsentation 1796 in Genf

Die erste Spieluhr mit einem Kammspielwerk – die Zähne eines Stahlkamms werden von einer drehenden Walze angetippt – hat der Genfer Uhrmacher Antoine Favre-Salomon 1796 konstruiert und bald darauf mit einer ausgedehnten Produktion begonnen. „Es ist aber kaum bekannt, dass auch in Prag und Wien eine derartige Produktion angelaufen ist“, sagt Kowar. Die Schweiz und die französische Jura blieben das hauptsächliche Fabrikationsgebiet, die Hersteller in Prag und Wien traten aber durchaus als Konkurrenten auf. Die bedeutend kleinere österreichische Fabrikation, so Kowar, sei kein simpler Ableger der Schweizer gewesen, sie habe vielmehr hinsichtlich der technischen Gestaltung, des musikalischen Repertoires (wie die eingangs zitierte Melodie eines steirischen Ländlers zeigt) und des Absatzgebiets in der Monarchie eine Eigenständigkeit aufgewiesen.

1819 hat Franz Rzebitschek in Prag mit der Produktion von Spieluhren begonnen, fünf Jahre später die Brüder Anton und Josef Olbrich in Wien. Gemeinsam mit Alois Willenbacher hat Rzebitschek bald „größere und kleinere Musikspielwerke nach Art der Schweizer“ in großer Zahl hergestellt. In einem Bericht der Gewerbekommission aus dem Jahr 1836 finden in der Prager Fabrik 47 Arbeiter Beschäftigung, in den vorangegangenen zwölf Jahren sollen 8821 „solche Instrumente“ abgesetzt worden sein. Neben dieser Firma weist Helmut Kowar in Prag mindesten fünf weitere Hersteller von Spieldosen nach. 1897 schließt Rzebitschek junior die Fabrik, wie er in einem schriftlichen Abriss meint, „zwar nicht nur wegen Mangel an Aufträgen, sondern der sich immer unangenehmer fühlbar machenden Arbeiterverhältnissen wegen“.

In Wien haben die aus Schlesien stammenden Brüder Olbrich – Anton ein Uhrmacher, Josef ein Musikant – ein kleines Spielwerk hergestellt und 1824 im Gasthaus Zum roten Hahn vorgestellt. Die Melodie fand derartigen Beifall, dass gleich mehrere Bestellungen erfolgten. Die Brüder Olbrich könnten Gehilfen gehabt haben, zu einer Fabrik ist es nicht gekommen. In den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts arbeiteten sie getrennt: Anton Olbrich ist auf wöchentlich bis zu 30 Stück gekommen, Bruder Josef auf bis zu 15 Stück.

Musikwissenschaftler Kowar machte für Wien weitere zehn Hersteller – darunter Olbrich junior – ausfindig. Sie bezeichneten sich als „Kunstuhrmacher, der auch Musikwerke verfertigt“, „bürgerlicher Spieluhrmacher“, „Melodienfabrikant“ oder „Musikmaschinist“.

 

Mehrere Stücke auf einer Walze

Von Beginn an enthielten die Spieldosen zwei Melodien, dann wurde auf vier, sechs, manchmal auch mehr Melodien erweitert. „Es war eine große Leistung der Arrangeure“, so Kowar, „ein Musikstück auf bis zu 50 oder 60 Sekunden zusammenzufassen.“ So wurde etwa die Cavatine „Largo al factorum“ aus der Oper „Der Barbier von Sevilla“ von viereinhalb Minuten auf eine knappe Minute beschränkt.

Anfang des 20. Jahrhunderts war die Zeit der Walzenspieldosen vorbei. 1887 wurden sowohl das Grammofon als auch die einfachere Plattenspieldose erfunden.

LEXIKON

Spieluhren wurden 1796 in Genf erfunden und waren im 19.Jahrhundert ein weitverbreiteter Exportartikel Schweizer Hersteller.

Mit der Publikation „Spielwerke aus Prag und Wien“ legt der Direktor des Phonogrammarchivs der Akademie der Wissenschaften, Helmut Kowar, eine umfassende Bestandsaufnahme der österreichischen Spieluhrerzeugung vor (235 Seiten, 79 Euro, ÖAW-Verlag).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.07.2017)

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