Sich durch die Geschichte der Stadt Lublin riechen

Hering „auf jüdische Art“, stinkende Innenhöfe und Zweitaktmotoren erzählen der Kulturwissenschaftlerin Stephanie Weismann die Geschichte der polnischen Stadt Lublin, Ausgangsort ihrer Forschung.

Historisches Zentrum von Lublin.
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Historisches Zentrum von Lublin.
Historisches Zentrum von Lublin. – (c) imago/BE&W (imago stock&people)

In der Zwischenkriegszeit herrschte in den Innenhöfen Lublins ein heute kaum vorstellbarer Geruch. Es stank nach dem Urin der Gemeinschaftstoiletten, nach dem Mist der Schweine- und Federviehhaltung und nach den Küchenabfällen, die einfach in den Hof gekippt wurden.

Diese Geruchskulisse oder „smellscape“ verweist auf Wohnverhältnisse, Alltags- und Arbeitsverhältnisse. „Gestanksquellen“, wie etwa Berichte von Sanitärbehörden, Tagebücher, Memoiren, Interviews oder Zeitungsberichte spiegeln Prozesse der Stadtentwicklung wider. Stephanie Weismann, kürzlich mit dem Firnberg-Programm des Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) ausgezeichnet, will mit ihrer Untersuchung der „smellscapes“ der polnischen Stadt Lublin die Geschichte des 20. Jahrhunderts in Ostmitteleuropa erzählen. Noch arbeitet sie, gefördert vom Polnischen Nationalen Wissenschaftszentrum (NCN) an der Universität Lublin (UMCS) direkt vor Ort. Ab April 2018 wird sie das Projekt am Institut für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien weiterführen.

Die Idee einer „Geruchsgeschichte“ kam Weismann im Zuge ihrer Dissertation über das habsburgische Galizien: „In vielen Reiseberichten über das Kronland mokierte man sich über die kräftige Geruchsnote des Ostens“, sagt sie und erkannte das Potenzial für ihre weitere Forschung.

 

Gerüche wecken Emotionen

Gerüche sind kaum messbar. Sie sind aber omnipräsent und maßgeblich für die menschliche Umweltwahrnehmung. Gerüche sind zudem stark mit Emotionen verbunden und spielen eine große Rolle bei der Konstruktion von Fremdbildern: In Einwanderungsvierteln riecht es „anders“: fremd oder exotisch. „Das gilt für die Berichte des Judenviertels in Venedig des 16./17. Jahrhunderts genauso wie für immigrantenstarke Stadtviertel heute“, sagt Weismann.

Gestank warnt vor Krankheiten oder verdorbenen Lebensmitteln. Über die Nase wird aber auch „Fremdes“ attribuiert. Als die Nationalsozialisten 1939 Lublin besetzten, wurde die Stadt zum Austragungsort der „Aktion Reinhart“ und der „Aktion Erntefest“ – maßgeblich für die Vernichtung der europäischen Juden. Diese „Säuberungsaktionen“ lassen sich auch als Geruchsgeschichte lesen. Das jüdische Viertel und spätere Ghetto Podzamcze war seit seinem Bestehen von Geruchs- und Schmutzdiskurs geprägt und wurde von Desinfizierungsaktionen heimgesucht – bis hin zur „Säuberung“. Ganz zu schweigen von den Gerüchen der Krematorien.

Lublin steht exemplarisch für die Geschichte Ostmitteleuropas im 20. Jahrhundert. Bis zum Ersten Weltkrieg war es Teil Kongresspolens unter russischer Herrschaft. Im Ersten Weltkrieg war es von Österreich-Ungarn besetzt. In der Zwischenkriegszeit verkörperte Lublin eine Provinzstadt der Region mit einem Drittel an jüdischer Bevölkerung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie eine sozialistische Musterstadt und einer der führenden Lkw-Produzenten Polens. Diese verschiedenen Zeiten riechen unterschiedlich: Heringe „jüdischer Art“ der Zwischenkriegszeit anders als die „leeren Regale“ der kommunistischen Ära. Die heutigen Hyundais auf Lublins Straßen anders als die alten Lkw. Wobei: „Ich freu mich immer, wenn einer dieser alten ,Zuk‘ aus der hauseigenen Produktion vorbeistinkt“, sagt Weismann.

LEXIKON

Lublin ist mit rund 340.000 Einwohnern die neuntgrößte Stadt Polens und liegt etwa in der Mitte zwischen Warschau (Polen) und Lemberg (Ukraine). Die Stadt war 1809 sowie 1944/45 kurzzeitig Hauptstadt Polens. 1918 wurde die Katholische Universität gegründet und 1930 die größte Jeshiwa (Talmudschule) Europas. Die Nazis zerstörten das „Jüdische Oxford“, „säuberten“ die Judenviertel und errichteten, Lublin vorgelagert, das KZ Majdanek.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2017)

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