Friedenspädagogik für Kärnten

Juristische Forschung zeigt an Südtirol und Kärnten, wie Minderheiten besser geschützt werden können und Mehrsprachigkeit verbindet: Sprachförderung ist zentral.

Kärnten hat zweisprachige Ortstafeln und schützt dadurch seine slowenische Minderheit im öffentlichen Raum.
Kärnten hat zweisprachige Ortstafeln und schützt dadurch seine slowenische Minderheit im öffentlichen Raum.
Kärnten hat zweisprachige Ortstafeln und schützt dadurch seine slowenische Minderheit im öffentlichen Raum. – (c) APA/GERT EGGENBERGER

Eigentlich handelte es sich um ein scheinbar schlichtes Thema des Verfassungsrechts: 1972 sollten 205 Kärntner Ortstafeln wegen der ansässigen Kärntner Slowenen zweisprachig beschildert werden. Doch es kam zum Ortstafelsturm. Teile der Bevölkerung rissen, auch vor laufenden Kameras, die deutsch-slowenischen Schilder aus ihrer Verankerung. Ab 2005 kochte das Thema erneut auf. Der damalige Landeshauptmann, Jörg Haider, wehrte sich nach Kräften gegen die verfassungsrechtliche Bestimmung: Unter dem Motto „Kärnten wird einsprachig“ umging er diese, indem er die Ortstafeln zunächst um einige Meter versetzte und später kaum sichtbare slowenischsprachige Zusatztafeln anbringen ließ.

„Die Ortstafeln sind ein schönes Beispiel, wie lange sich die Verwirklichung von Minderheitenschutz wegen der politischen Diskussion hinziehen kann“, sagt Jürgen Pirker, Jurist und Historiker am Institut für Öffentliches Recht und Politikwissenschaft der Universität Graz. Der deutschsprachige Kärntner ging diesem Phänomen genauer auf den Grund. Seine Vorträge zu dem Thema hörten selbst die Kärntner Landeshauptmänner Gerhard Dörfler und Peter Kaiser.

In seiner juristischen Dissertation „Minderheitenschutz und Sprachförderung“, die 2016 mit dem Leopold Kunschak Wissenschaftspreis ausgezeichnet wurde und kürzlich als Buch erschienen ist, vergleicht er das dreisprachige Südtirol mit dem südlichsten Bundesland Österreichs. Anschließend entwickelt er Maßnahmen, wie sich der Minderheitenschutz in Kärnten verbessern lässt.

 

„Ladinisch ist wieder cool“

Südtirol bot sich als Vergleich an, weil es als Vorzeigemodell für Regionen innerhalb der EU mit starkem Minderheitsanteil gilt. Hier funktioniert das Zusammenleben zwischen der deutschen (62,3 Prozent), italienischen (23,4 Prozent) und ladinischen (4,1 Prozent) Sprachgruppe schon seit Langem: Diese sind stolz auf ihre Kultur und Sprache. Zweisprachiger Unterricht ist Usus, und Ämter sind mehrsprachig. Selbst die ladinische Bevölkerung, die noch vor einigen Jahren zu verschwinden drohte, wächst: „Ladinisch zu sprechen ist wieder cool“, sagt Pirker.

Aber es gibt auch Herausforderungen: Ethnischer Proporz und getrennte Schulen können Gruppengrenzen fixieren und das Sprachenlernen erschweren. Daher brauche es Kontakte zu anderen. Das helfe, Grenzen zu überwinden und Vielfalt zu fördern.

Die Sprache ist der Schlüssel zum Erfolg in Pirkers Modell: „Sprache ermöglicht andere Denkwelten. Sprache schafft Zugang zum Gegenüber. Sprache verbindet“, sagt Pirker. Um die Muttersprache erlernen zu können, sie im öffentlichen Raum sichtbar zu machen – etwa auf Ortstafeln – oder sie als Amtssprache verwenden zu können, braucht es gesetzliche Regelungen. Dafür müssen der jeweilige Staat oder das Land sorgen.

 

Slowenische Oma im Keller

Pirker schlägt für Kärnten vor, dass die Mehrheits- und Minderheitsbevölkerung, neben Englisch, die Möglichkeit haben soll, bis zur Matura Deutsch und Slowenisch als reguläres Schulfach zu lernen: „Damit hat man die Chance, den längst hinfälligen nationalistisch geprägten Diskurs obsolet zu machen.“ Im Sinne einer „Friedenspädagogik“ könne damit die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und Familiengeschichte beginnen.

In Kärnten, Anfang des 20. Jahrhunderts noch zu 18 Prozent slowenisch-sprachig, heute nur mehr zu 2,3 Prozent, haben viele Familien „eine, wie der Volksmund vermutet, slowenische Oma im Keller“, sagt Pirker. Gemeint ist, dass es innerhalb vieler längst assimilierter Familien slowenische Vorfahren gab.

Durch das Lernen der Sprache und Kontakte können historische Belastungen aufgearbeitet werden. Regionen können damit einen Mehrwert erzielen: in der Ausbildung, den Medien, dem Kulturleben, der Wirtschaft oder im Tourismus. „Das wäre angesichts des wachsenden Nationalismus ein Vorbild für andere Regionen in Europa. Notwendig sei dafür ein modernes, pluralismustaugliches Volksgruppenrecht“, sagt Pirker.

BUCHTIPP

Der Jurist und Historiker Jürgen Pirker hat kürzlich seine Dissertation als Buch veröffentlicht (Minderheitenschutz und Sprachförderung, Böhlau Verlag, 382 Seiten, 60 Euro). Darin entwickelt er ein Modell für eine Verbesserung des verfassungsrechtlichen Schutzes der Kärntner Slowenen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2017)

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