Die Möglichkeit einer österreichischen Insel

Als das Habsburgerreich nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel, blieben viele Territorialfragen im Alpen-Adria-Raum ungeklärt: Wem gehört Triest, wem Südtirol, wem Slowenisch Kärnten? Brisante Fragen bis zum Kalten Krieg.

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Panorama über Triest.
Panorama über Triest. – (c) imago/imagebroker (imageBROKER/Harald Wenzel-Orf)

Im September 2015 demonstrierten etwa 1000 Aktivisten vor der Statue der Kaiserin Elisabeth vor dem Bahnhof der Stadt Triest. Ihre Forderung: ein unabhängiges Triest. Die Bewegung für ein freies Triest (Movimento Trieste Libera/MTL) berief sich auf das nach dem italienischen Friedensvertrag Anfang 1947 entstandene Freie Territorium Triest (FTT). Dieses sollte von einem durch die Vereinten Nationen eingesetzten Gouverneur regiert werden, weil die Frage, ob Triest Italien oder Jugoslawien gehörte, noch nicht geklärt war. Das Londoner Memorandum 1954 beendete das FTT. Triest wurde, ohne einen Beschluss der Vereinten Nationen, italienisch.

Der nicht stattgefundene Beschluss ist das Argument der MTL. Das ist ein Beispiel dafür, wie lang Territorialfragen im Alpe-Adria-Raum nach dem Zerfall des Habsburgerreichs 1918 nachwirken. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg tauchten diese erneut auf: „Triest wird zur ersten Frage auf dem diplomatischen Parkett, die vor dem sich abzuzeichnenden Kalten Krieg zwischen Ost und West beantwortet werden musste“, sagt Karlo Ruzicic-Kessler, Historiker der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Mitarbeiter des vom Österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) unterstützen Projekts „Die Alpen-Adria Region 1945-1955“.

Das Projektteam durchforstete unter anderem Quellen in den Archiven von Rom, Wien, Belgrad, Kärnten, Laibach, Moskau, Paris, London und Washington, um scheinbar regionale Konflikte international zu beleuchten.

 

Korridor Kärnten–Triest

Triest sei besonders spannend, da viele Möglichkeiten höchste diplomatische Kreise erreichten: Jugoslawien, eine Siegermacht des Zweiten Weltkriegs, erhob Anspruch auf Triest. Italien, zumindest seit 1943 Mitstreiter der Alliierten, musste die gesamte heute slowenische Küste sowie Istrien an Jugoslawien abtreten und wollte Triest behalten. Es gab Vorschläge, einen Korridor zwischen Kärnten und Triest zu schlagen, der eine Pufferzone zwischen dem schwelenden Ost-West-Konflikt hätte sein können. „Selbst die Möglichkeit einer von einem österreichischen Gouverneur verwalteten Enklave, also einer österreichischen Insel an der Adria, wurde besprochen“, sagt Ruzicic-Kessler. Ideen wie diese wurden ernsthaft diskutiert, aber schnell wieder verworfen.

Österreich, Italien und Jugoslawien loteten nicht nur Lösungen um Triest aus. Die Südtirol-Frage ebenso wie die Frage um die Kärntner Slowenengebiete wurden diskutiert und mehr: „Zum Teil wurde der Kalte Krieg an den Grenzen sogar heiß. Menschen wurden hier auch erschossen oder entführt“, sagt Ruzicic-Kessler.

Hauptergebnis ist es, dass alle drei Staaten an Gebietskonflikten beteiligt waren: So half Jugoslawien der Südtiroler Volkspartei (SVP) in ihren Bestrebungen, nach Österreich zurückzukehren. Hier hatten die christlich-konservative SVP und das kommunistische Jugoslawien keine Berührungsängste. Italien verwies in der Kärntner Slowenen-Frage auf die Kriegsverbrechen der „Slavokommunisten“, ein gängiges Wort in der damals jungen italienischen Demokratie, die als solche aus der „Asche des Mussolini-Faschismus“ erstiegen sei. Damit half Italien Österreich.

Die Alpen-Adria-Region, das bestätigt der Projektleiter, Wolfgang Mueller, „besteht aus drei miteinander verwobenen Staaten und braucht daher diesen systemischen, ganzheitlichen Blick.“

LEXIKON

Alpe-Adria beschreibt eine Region, die aus dem Zerfall des Habsburgerreichs entstand. Sie besteht aus den Ländern Österreich, Italien und dem Königreich Serbien-Kroatien, später Jugoslawien. Die französischen, deutschen und Schweizer Alpen sind nicht inkludiert. Jahrzehntelange Territorialkonflikte entstanden etwa um die Südsteiermark, Slowenisch Kärnten, Südtirol oder Triest.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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