Mit dem Flugzeug über die Felder

Archäologie. Bilder aus der Luft geben Aufschluss über archäologische Fundstellen. Getreide oder Gras wächst auf vergrabenen Strukturen anders: Diese Muster geben Geheimnisse preis.

In Sizilien zeigen die dunkelgrünen kreisförmigen Bewuchsmerkmale im gelblichen Feld eine ehemalige Olivenplantage.
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In Sizilien zeigen die dunkelgrünen kreisförmigen Bewuchsmerkmale im gelblichen Feld eine ehemalige Olivenplantage.
In Sizilien zeigen die dunkelgrünen kreisförmigen Bewuchsmerkmale im gelblichen Feld eine ehemalige Olivenplantage. – (c) Michael Doneus

Das Lieblingsfoto von Michael Doneus hängt im Treppenhaus des Archäologischen Instituts. Es zeigt aus der Luft die Umrisse von Holzhäusern, die vor über 6000 Jahren in Leobersdorf in Niederösterreich standen. Daneben zeichnen sich die Wurzelgruben ehemaliger Bäume eines Windschutzgürtels etwas dunkler im grünen Getreide ab. Ein einziges Bild, auf dem Spuren aus ganz verschiedenen Epochen zu erkennen sind.

Das Luftbild entstand auf einem der Flüge, die Doneus als Professor am Institut für Urgeschichte und historische Archäologie der Uni Wien regelmäßig mit einer einmotorigen Cessna 127 unternimmt, um Aufschluss über die Lage archäologischer Fundstellen zu erhalten. „Heuer sind wir kaum geflogen. Es war zu trocken, dann sind keine Bewuchsmerkmale zu sehen“, bedauert er. Über archäologischen Fundstellen wachsen Getreide und Gras anders, die Farbe hebt sich deutlich ab, das Gras ist beispielsweise dunkelgrün. Diese Veränderungen sind luftbildarchäologisch für den geübten Betrachter sichtbar. Mit Luftbildern, Laserscans aus Flugzeugen und Magnetfeld- und Bodenradarmessungen läss sich so die Vergangenheit ganzer Landstriche erkennen.

 

Digitale räumliche Datenbank

Doneus hat zusammen mit einer Kollegin inzwischen 130.000 Aufnahmen, viele davon selbst fotografiert, eingescannt, kartografiert und interpretiert. Forscher, die Luftbildaufnahmen einer bestimmten Region in Österreich benötigen, können darauf zurückgreifen. Vom Kommando Luftaufklärung des Bundesheeres in Langenlebarn hat das Luftbildarchiv zigtausende Negative zur Verfügung gestellt bekommen, die die Landschaft mit vielen archäologischen Spuren in hoher Auflösung zeigen. Jahrelang mussten die Koordinaten der Fotos mit der Hand eingegeben werden. Inzwischen sind sie digitalisiert und in einer räumlichen Datenbank abrufbar. Außerdem verfügt Doneus nun über ein Gerät, das an die Kamera angehängt wird und das Position und Orientierung jedes Fotos aufzeichnet, sodass automatisch kartografiert werden kann.

Nicht nur in Österreich erforscht das Team der Uni Wien die Landschaftsstrukturen. Ein vom Wissenschaftsfonds FWF gefördertes Projekt befasst sich mit einem Gebiet im westlichen Teil Siziliens, in der Umgebung des Flusses Mazaro. „Um international anerkannt zu sein, müssen wir auch international arbeiten“, erklärt Doneus.

Das Vorprojekt für diese Forschungen geht auf die Initiative Cipriano Frazzettas zurück, eines ehemaligen Studenten des Archäologischen Instituts. Er war in der Gegend zu Hause und gewann die Gemeinde von Mazaro del Vallo und das Denkmalamt der Provinz Trapani dafür, den Wiener Forschern die ersten Luftbildaufnahmen der Region zu finanzieren. In den Jahren 2003 bis 2005 flog Doneus mit seinem Team die Region ab. Olivenhaine und Weingärten erschwerten die Sicht, dennoch zeigten sich sowohl im Luftbild als auch im Laserscanning Umrisse vermutlich bronzezeitlicher Gräben als Befestigungsanlage. Außerdem wurde ein möglicherweise griechischer Gutshof sichtbar.

 

Die Völker in Westsizilien

Am Sizilien-Projekt arbeitet auch der Postdoc Christopher Sevara. Er hat schon acht Jahre in Monte Polizzo in Westsizilien geforscht. „Interessant ist, welche Beziehungen drei verschiedene Bevölkerungsgruppen in der Region in der Zeit zwischen 1500 und 500 vor Christus unterhielten. Dies haben wir mit solchen nicht invasiven Methoden sowie Feldbegehungen und der Analyse von Keramikfunden untersucht.“

Ursprünglich lebten auf Westsizilien Elymer mit einer komplexen eigenen Kultur. Im siebten Jahrhundert vor Christus kamen Griechen und Phönizier hinzu. Es könnte sein, dass der Fluss Mazaro als natürliche Grenze zwischen den verschiedenen Volksgruppen genutzt wurde. Es kann aber auch sein, dass Griechen innerhalb des Siedlungsgebietes der Elymer später eine Villa bauten, deren Grundrisse ebenfalls gefunden wurden.

Um eine genaue Datierung zu erhalten, analysieren Wissenschaftler der Universität Neapel derzeit die gefundenen Keramikscherben. Wenn die Ergebnisse vorliegen, soll im Rahmen eines weiteren Projekts mit Ausgrabungen begonnen werden, um offene Forschungsfragen zu untersuchen.

LEXIKON

Zerstörungsfreies Vorgehen beschränkt sich auf die technische Visualisierung, um archäologische Fundstätten nicht zu beeinträchtigen. Dabei wird integriert, d.h. mit verschiedenen Methoden vorgegangen. Nach Luftbildern wird die Landschaft vom Flugzeug aus gescannt, um sehr detailliert die Topografie zu vermessen und kleinste Vertiefungen und Erhebungen festzustellen. Darauf folgt die geophysikalische Prospektion mit Magnetik und Bodenradar. An ausgesuchten Stellen sammeln die Forscher Keramikscherben, analysieren und datieren sie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2017)

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