Die Vollendung des Worttondramas im Stummfilm

Filmmusik.Tausende Texte von Philosophen wie Ernst Bloch oder Komponisten wie Paul Hindemith beschäftigten sich in der Stummfilmära mit Filmmusik. In einem Forschungsprojekt werden sie digitalisiert und aufgearbeitet.

Symbolbild.
Symbolbild.
Symbolbild. – (c) imago stock&people (imago stock&people)

Im Stummfilm bewegten die Schauspieler zwar ihre Münder, blieben aber wortlos. Die Bilder liefen, waren aber von keinem Laut begleitet. Die Kinosäle von einst hingegen verharrten nicht in Stille. Pianisten, Geiger, Schallplatten, Kinoorgeln inklusive Geräuscheffekten oder, etwa in den großen Premierentheatern, ganze Orchester begleiteten die Filme vor Ort musikalisch. Darüber wurde vor allem im deutschsprachigen Raum viel geschrieben: sowohl in Musikzeitschriften, als auch in kinematografischen Fachzeitschriften, etwa in der Tageszeitung „Film-Kurier“.

Francesco Finocchiaro, Musikwissenschaftler an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Uni Wien, sammelte in dem vom Österreichischen Forschungsfonds (FWF) geförderten Projekt „Filmmusik als Problem im deutschsprachigen Journalismus (1907–1930)“ Texte der zeitgenössischen Filmpresse. In Artikeln, Rezensionen und Essays meldeten sich etwa der Musikpublizist Hans Erdmann, der Philosoph Ernst Bloch, die Komponisten Paul Dessau, Paul Hindemith oder der Musiktheoretiker Béla Balázs zu Wort.

Sie alle versuchten, Musik und Film in Einklang zu bringen. Das Spektrum möglicher Lösungen reichte von technischen Verbesserungen, etwa durch die Synchronisation von Schallplatten oder elektronischen Systemen, bis hin zu kompositorischen Vorschlägen zur Steuerung und Erzeugung von Gefühlen, Emotionen, Stimmungen und Auren im Kinosaal.

 

Wöchentliche Lösungen

„Zu all den Problemen der Filmmusik wurden alle zwei bis drei Tage Lösungen präsentiert, was natürlich bedeutet, dass niemals eine allgemein gültige Lösung gefunden wurde“, sagt der in Wien forschende und lehrende Italiener Finocchiaro.

Gemeinsam mit seinem Team ging es ihm im Projekt in erster Linie darum, die in wenigen Bibliotheken auf Mikrofilm festgehaltenen Quellen auf einer Datenbank zu speichern. Im Sinne der digitalen Geisteswissenschaften soll am Ende des Projektes ein frei zugängliches Onlinearchiv entstehen. Die ersten Testversionen dafür laufen Anfang 2018 an.

Sammeln reicht Finocchiaro aber nicht: „Am Ende soll eine Monografie über die Ästhetik der Filmmusik in dieser Zeit entstehen“, sagt er. Hinter den Rezensionen und Musikanalysen stand zumeist ein Ideal von Erdmann oder Hindemith. Für sie war der Film „eine neue Kunstform, die auf der vollständigen Integration von Bild und Musik basieren musste. Es geht um die ideale Vollendung des Wagnerschen Worttondramas“, sagt Finocchiaro. Hans Erdmanns Theorien kamen unter anderem in der Filmmusik des 1922 erschienenen Horrorklassikers „Nosferatu“ oder in Fritz Langs regimekritischen, 1933 erschienenen „Das Testament des Dr. Mabuse“ zur Anwendung.

Doch nicht alle Musikarten fanden beim Publikum Anklang. Die Filmmusik blieb eher traditionell und hielt an einer spätromantischen Symphonik fest. Erst in den 1960er-Jahren veränderte sich die Ästhetik der Filmmusik mit dem Einzug von Pop und Jazz.

Aber etwas ist geblieben: Dissonante Töne – also Töne, die als nicht harmonisch empfunden werden – hört das Publikum bei tragischen, katastrophalen Horrorsituationen. Diese aus dem Opernrepertoire stammende Assoziation ist in der Stummfilmzeit entstanden und hat sich bis heute gehalten.

Web:https://filmmusicjournalism.com

LEXIKON

Die Filmmusik war in der Stummfilmära ein beliebtes Thema des Journalismus: Es berichteten sowohl technische Zeitschriften als auch Filmtageszeitungen wie der „Film-Kurier“. Der Musikwissenschaftler Francesco Finocchiaro rechnete für sein Projekt zu den Jahren 1907 bis 1930 mit rund 800 Artikeln. Allein im „Film-Kurier“ ab 1923 waren es 2000.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2017)

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