Was heißt „forte“ eigentlich?

Forscher arbeiten an einem Handbuch der musikalischen Interpretationsforschung. Es soll einen Überblick über verschiedene Zugänge zur Aufführung von Tonwerken geben.

„Wir hören immer im Kontext unserer Zeit“, sagt Musikwissenschaftler Rainer J. Schwob. Zu Mozarts Zeit schockierten Dissonanzen die Zuhörer. Heute pilgern viele zu Konzerten des Dirigenten Teodor Currentzis (links), der Mozarts Musik völlig neu interpretiert.
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„Wir hören immer im Kontext unserer Zeit“, sagt Musikwissenschaftler Rainer J. Schwob. Zu Mozarts Zeit schockierten Dissonanzen die Zuhörer. Heute pilgern viele zu Konzerten des Dirigenten Teodor Currentzis (links), der Mozarts Musik völlig neu interpretiert.
„Wir hören immer im Kontext unserer Zeit“, sagt Musikwissenschaftler Rainer J. Schwob. Zu Mozarts Zeit schockierten Dissonanzen die Zuhörer. Heute pilgern viele zu Konzerten des Dirigenten Teodor Currentzis (links), der Mozarts Musik völlig neu interpretiert. – (c) Clemens Fabry

Teodor Currentzis ist ein Star. Wenn der gebürtige Grieche eine Oper dirigiert – wie heuer bei den Salzburger Festspielen Mozarts „La Clemenza di Tito“ – pilgern auch Menschen in die Aufführungen, die sonst wenig Bezug zu klassischer Musik haben. Was macht er anders? „Er übertreibt in den Details und schafft so ein ungewohntes Hörerlebnis“, beschreibt Rainer J. Schwob, Musikwissenschaftler an der Universität Mozarteum, die Art, wie Currentzis derzeit in der Klassikwelt für eine kleine Revolution sorgt. So wie er hat noch keiner Mozarts Musik interpretiert.

Schwob muss es wissen: Er arbeitet mit Bernadeta Czapraga und Alexander Drčar derzeit an einem Handbuch der musikalischen Interpretationsforschung. Das Trio – Czapraga ist Geigerin, Drčar Dirigent und Schwob Musikwissenschaftler – betreibt am Institut für musikalische Rezeptions- und Interpretationsgeschichte der Universität Mozarteum Grundlagenforschung. Um sich wissenschaftlich mit der Interpretation von Musikstücken zu beschäftigen, haben sie auch die dafür nötigen Methoden weiterentwickelt. „Wir hören genau hin“, beschreibt Czapraga die einfache, aber dennoch ungewöhnliche Herangehensweise: Normalerweise setzen sich in der Musikwissenschaft Experten mit dem Notentext auseinander und studieren die Anmerkungen der Komponisten. Die Aufführungspraxis bleibt da Nebensache.

 

Die Musik sichtbar machen

Die Salzburger Musikforscher gehen anders vor: Sie beschäftigen sich mit Platten- oder CD-Aufnahmen von Musikstücken und vergleichen diese. Mit Hilfe von Software machen die Wissenschaftler die Musik auch grafisch sichtbar. Damit lassen sich Tempo, Dynamik oder Klangfarbe einer Interpretation anschaulich darstellen. Man sieht auch als Laie, wie unterschiedlich ein Notentext von einem Dirigenten oder Musiker gelesen und gespielt wird. Diese Computerauswertungen ergänzen die Gehöranalyse, die trotz aller Objektivität immer auch eine subjektive Färbung enthält.

Als Forschungsobjekte dienen den drei Wissenschaftlern aktuelle wie historische Aufnahmen. Eine von Strawinskys „Sacre du Printemps“ aus dem Jahr 1929 gehört zu den ältesten Tondokumenten, die in das Handbuch einfließen. Durch die räumliche Nähe zur Stiftung Mozarteum und ihrem Tonarchiv wird es im Handbuch einen Mozart-Schwerpunkt geben. Aber auch Monteverdi, Bach, Haydn oder Schubert sind vertreten. Das Handbuch, das 2019 erscheint, soll Musikern und Dirigenten helfen, sich in ein Werk einzuarbeiten und verschiedene Sichtweisen darauf kennenzulernen.

Zurück zu Mozart: Er komponierte in einer Zeit, in der Anweisungen – beispielsweise eine Passage „molto forte“ zu spielen – erst Fuß fassten. Zuvor war es nicht üblich, dass Komponisten besondere Hinweise gaben, wie ihr Notentext zu spielen sei. Doch die Frage, die sich den Forschern stellt, ist nicht einfach zu beantworten: Was heißt „forte“ eigentlich? „Jeder spielt das, was dasteht, etwas anders“, sagt Czapraga. Ein Interpret ist jemand, der wegen seines Wissens und seines Einfühlungsvermögens die Werke der Komponisten zu deuten vermag.

Und diese Deutungshoheit unterliegt nicht nur persönlichen Vorlieben, sondern auch der Mode. „Der Wiener Mozartstil der Nachkriegszeit ist nicht zu vergleichen mit der heutigen Interpretation“, meint Drčar: „Früher waren die großen Linien sehr wichtig, die Dirigenten haben lange Phrasen gestaltet.“ Heute geht es um die kleinen Phrasierungen, die Details sind den Dirigenten viel wichtiger geworden. „Es ist eine komplett andere Ästhetik“, ergänzt Schwob.

 

„Kein Richtig oder Falsch“

Gerade jene Dirigenten, die sich an der historischen Aufführungspraxis orientieren, beschäftigen sich stark mit den kleinsten Nuancen im Notentext. Wenn Currentzis diese Details übertreibt, entsteht beim Hörer eine Ahnung jener Wirkung, die so manche Passage für das Publikum der damaligen Zeit gehabt haben muss. „Heute regt selbst Zwölftonmusik keinen Menschen mehr auf. Zu Mozarts Zeit lösten schon einige Dissonanzen beim Publikum eine Art Schock aus“, gibt Schwob zu bedenken. „Wir hören immer im Kontext unserer Zeit.“

Bei aller Suche nach den verschiedenen Deutungen von großen Kompositionen bleibt aber für die drei Forscher eines klar: „Es gibt kein Richtig oder Falsch. Jeder Musiker ist Künstler und darf ein Werk auf seine Weise interpretieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.10.2017)

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