Futurologe: Die Zukunft passt wie angegossen

Der US-Futurologe Jamais Cascio wittert Trends wie andere ein gutes Geschäft. Mit der "Presse am Sonntag" sprach er über die Freude am "Hacken" und Design auf Knopfdruck.

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(c) Reuters (Tim Wimbourne)

Sie sind jemand, der an die positive Veränderbarkeit der Welt glaubt, ohne dabei die Schattenseiten auszusparen. Glauben Sie, dass die Menschen aus der Geschichte lernen?

Jamais Cascio: Ich wehre mich gegen die Vorstellung, dass wir alle verloren sind und aus dem Schock darüber in Erstarrung verfallen und sagen: Ach Gott, da kann man nichts mehr machen. Weil: In den allermeisten Fällen kann man etwas machen. Es ist wirklich leicht, sich in der Idee zu verfangen, dass die Leute ganz einfach dumm sind und nicht lernfähig. Aber schauen Sie sich die Geschichte an, wie sich die Gesellschaft verändert hat. Besonders im Westen, in den USA, Europa oder Ländern wie Japan: Das Leben ist so viel freier geworden, so viel reicher – nicht nur was materiellen Wohlstand, sondern auch was sozialen Wohlstand betrifft. Wir haben mehr Möglichkeiten als je zuvor in der Geschichte, wir haben Zugang zu mehr Information als je zuvor. Dieses kleine Gerät in meiner Tasche hat mehr Power als alle Computer zusammen, die damals einen Mann zum Mond geschickt haben. Es mag zwar nicht immer so aussehen, und wir lernen auch nicht immer die richtige Lektion, aber wir lernen vor allem sehr viel durch unser ständiges Scheitern.

 

Scheitern war doch bisher verboten?

Das kommt auf die Region an: Dort, wo ich herkomme, im Silicon Valley, San Francisco, wo die meisten Computer Executives arbeiten, wirst du so lange nicht als guter Firmenboss angesehen, solange du nicht einmal mit einer Sache ordentlich auf die Schnauze gefallen bist. Also du hast es versucht, hast einen richtig großen Fehler gemacht, alles bricht zusammen, und du lernst eine Menge daraus, und du machst denselben Fehler nicht noch einmal, sondern stellst etwas Besseres auf die Beine. Und diesen Ansatz gibt es schon ziemlich lange, vor allem in Regionen mit einem hohen Innovationsgrad und wo viel Platz für Experimente ist.


Kreativität ist in den USA also sogar beim Versagen gefragt. Wird in der postindustriellen Gesellschaft der Handel mit „Ideen“ und „Kreativität“ die Wirtschaft der Zukunft bestimmen?

Ja, und dafür gibt es eine ganze Menge Gründe: Ein Grund ist die rasante Entwicklung der Technologie und wie diese Technologie unsere Wirtschaft verändert. Diesem Wandel liegen kreative Ideen als Katalysator zu Grunde, denn unser gesamtes System basiert auf Innovation. Zudem gibt es mittlerweile schon viele Produktionsmechanismen und Herstellungsverfahren, die es zunehmend ermöglichen, dass Kleinstbetriebe, Einzelunternehmer oder kleinere Gemeinschaften Produkte selbst herstellen können, für die man ehemals die Großindustrie benötigte.

Können Sie dafür ein konkretes Beispiel nennen?

Es gibt zum Beispiel jetzt 3-D-Drucker. Man kennt das hierzulande vielleicht noch nicht, aber die Dinger sind jetzt schon fast mehr als zehn Jahre auf dem Markt. Zu Beginn waren es eher primitive Geräte, aus denen nur seltsame Formen rauskamen, höchstens gut genug, um Modelle damit zu machen. Heute, aufgrund von ganz neuen Kunststoffen, die diese Drucker als Toner verwenden, ist es möglich, Produkte damit zu erzeugen, die wirklich verwendbar sind. Und sie werden auch immer billiger. Es wäre denkbar, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre jede Familie so einen Printer bei sich zu Hause stehen hat und damit in der Lage wäre, auf Knopfdruck selbst ein ganz spezielles Produkt herzustellen. Und woher bekommt man dann das Design für ebendiese Dinge? Da werden dann wieder ganz neue Berufe und Ausbildungsanforderungen rund um diese „Idee“ entstehen. Man könnte die Designs ins Netz stellen oder auf iTunes-ähnlichen Plattformen verkaufen.

 

Ist es nicht auch so, dass wir durch Technik unsere natürlichen Fähigkeiten verlernen: zum Beispiel sich Telefonnummern zu merken, sich mit dem Auto in einer Stadt zu orientieren oder auch mit der Hand zu schreiben?

Ich glaube, es war Sokrates, der sich bitter darüber beklagte, dass seine Studenten lesen lernten, weil sie dadurch die Fähigkeit zur oralen Überlieferung von Geschichten verlernten. Und in gewisser Weise hatte er recht: Die Studenten verlernten etwas, aber was sie dafür bekamen, war enorm. Und dasselbe passiert heute mit modernen Anwendungen: Wir geben etwas auf, aber im Austausch gibt uns die Technologie die Möglichkeit, mehr zu tun, mehr zu erleben, mehr zu lernen und uns besser zu vernetzen als jemals zuvor in der Geschichte.

Würden Sie sagen, dass Technik unsere Kreativität inspiriert? Jeder kann heute einen Film drehen und schneiden, jeder kann selbst Animationen machen, Musik produzieren.

Es gab wohl früher auch schon sehr viele Leute da draußen, die das Talent und die Ideen hatten, aber ihnen fehlten ganz einfach das Geld und die Chance, diese Ideen auszudrücken. Und in dem Maße, in dem diese Möglichkeiten, sich kreativ auszudrücken, demokratisiert wurden, wuchs auch der Berg an totalem Mist, der produziert wurde. Auf Youtube werden jeden Tag Millionen Videos raufgeladen, und 99 Prozent sind Schrott. Aber das heißt auch, dass wir eine wachsende Zahl von Produkten haben, die ziemlich gut sind. Und wieder entsteht hier eine völlig neue Industrie, in der es um „Informationsfilter“ geht, um Methoden, den Usern zu helfen, das zu finden, was sie wirklich suchen. Das kann jetzt eine neue Software sein, das können aber auch Menschen sein, die das Netz vorsortieren und beurteilen, was gut ist und was man vergessen kann.

Dieser Trend ist in Verbindung zu bringen mit jenem der Personalisierung: Fühlen wir uns in der Massengesellschaft so verloren, dass wir jedem Produkt unseren Stempel aufdrücken wollen?

Vor 300 Jahren wurden nahezu alle Dinge „personalisiert“, weil fast alles mit der Hand gemacht wurde – es hatte sozusagen eine persönliche Handschrift. Die meiste Zeit in der Geschichte der Zivilisation waren die Produkte also völlig personalisiert, wobei diese Art der Produktion sehr langwierig und mühsam war. Und dann kam die industrielle Revolution, und plötzlich konnte man massenweise Produkte herstellen. Das war gewissermaßen auch ein Irrweg der Geschichte, der aufgrund der Technologie möglich wurde, der aber nicht sehr human war. Die Profite waren aber so enorm, dass man diese neue Art zu produzieren unmöglich aufgeben konnte – heute geht die technische Entwicklung nun aber eben wieder genau in Richtung individualisierter Arbeit. Und jetzt es möglich, sowohl individualisierte Produktionsweisen als auch personalisierte Produkte für die Massen anzubieten. Es ist sozusagen die Demokratisierung der Personalisierung. Hinzu kommt eine ganz neue Generation von Menschen, die den Wunsch und die Fähigkeit haben, nicht nur passiv Dinge zu konsumieren, sondern aktiv mit Produkten zu arbeiten – daran herumzubasteln, die Produkte zu hacken und zu manipulieren. In den USA nennt man das „The Maker-Movement“, das Motto lautet: „Wenn ich das Teil nicht auseinandernehmen kann, dann will ich es nicht.“ Zum Beispiel ist das iPhone bei denen nicht sehr beliebt, weil man es nicht aufkriegt. Sie wollen den Zugang zum Source-Code oder auch der Hardware verschiedene neue Features hinzufügen.

Die neue Generation möchte sich also nicht mehr nur fertige Produkte vorsetzen lassen?

Und das ist eine sehr wichtige und bedeutsame Idee, die eine Menge in der Wirtschaft verändern wird, denn es bedeutet nichts anderes als eine Neuverhandlung der Beziehung zwischen Produzenten und Konsumenten. Es geht um eine prinzipiell andere Haltung: Man will einfach nicht mehr nur der Konsument sein, sondern ein aktiver Kogestalter. Und zusammen mit den Möglichkeiten, mit den momentanen Veränderungen in der Wirtschaft werden wir – ich würde mal sagen, so in 20 bis 25 Jahren – in einer Welt leben, in der so ziemlich jedes einzelne Ding – von den diversen Produkten über Computer, Autos, Werbespots –, das wir dann verwenden, „personalisiert“ sein wird. Das heißt jetzt nicht notwendigerweise, dass Ihr Name draufsteht, aber das kann etwa ein Sessel sein, der die Fähigkeit hat, sich exakt an Ihr Hinterteil anzupassen.

Wenn alle alles zu Hause selbst basteln, wer bezahlt dann noch und wofür?

Diese Umwälzung wird sehr fundamental für die Wirtschaft sein; den industriellen Kapitalismus, wie wir ihn kennen, wird es nicht mehr lange geben. Und nur weil bisher Profit und Effizienz die einzigen Faktoren waren, auf die alles aufgebaut hat, muss es nicht heißen, dass das so bleibt. Eine der möglichen Errungenschaften dieser neuen kreativen Zukunftswelt könnte sein, dass unbedingtes Wachstum nicht mehr länger die Voraussetzung für das System sein wird. Wenn wir Dinge selbst zu Hause herstellen können, sinkt auch der Druck, „Geld verdienen zu müssen“.

 

Und nächste Woche: Mass Customization – so funktioniert personalisiertes Design

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2010)

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